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§ 19. Der Infinitiv

Vorgänge viele Einzelheiten. Eine wirkliche Durchdringung dieses für die Begründung und Prägung des gesamten abendländischen Geistes so grundlegenden Geschehens gibt es noch nicht. Es fehlt sogar an jeder zureichenden Fragestellung für diese Besinnung, die eines Tages nicht mehr zu umgehen ist, so abseitig dieser ganze Vorgang für heutige Interessen sich ausnehmen mag.

Daß die Ausbildung der abendländischen Grammatik aus der griechischen Besinnung auf die griechische Sprache entsprang, gibt diesem Vorgang seine ganze Bedeutung. Denn diese Sprache ist (auf die Möglichkeiten des Denkens gesehen) neben der deutschen die mächtigste und geistigste zugleich.

Vor allem bleibt die Tatsache zu bedenken, daß die maßgebende Unterscheidung der Grundformen der Worte (Hauptwort und Zeitwort, Nomen und Verbum) in der griechischen Gestalt von ὄνομα und ῥῆμα im unmittelbarsten und innigsten Zusammenhang mit der für das gesamte Abendland dann gleichfalls maßgebend gewordenen Auffassung und Auslegung [44] des Seins herausgearbeitet und erstmals begründet wird. Die innere Verkoppelung dieser beiden Geschehnisse ist uns unversehrt und in voller Klarheit der Ausführung in Platons Dialog »Sophistes« zugänglich. Zwar sind die Titel ὄνομα und ῥῆμα schon vor Platon bekannt. Aber auch damals wie noch bei Platon werden sie als Titel für den gesamten Wortgebrauch verstanden. "Ονομα meint die sprachliche Nennung im Unterschied zur genannten Person oder Sache und meint mit das Aussprechen eines Wortes, was später grammatisch als ῥῆμα gefaßt wird. Und ῥῆμα wiederum meint den Spruch, das Sagen; ῥήτωρ ist der Sprecher, der Redner, der nicht nur Verba, sondern auch ὀνόματα in der engeren Bedeutung des Substantivum gebraucht.

Die Tatsache des ursprünglich gleich weiten Herrschaftsbereichs beider Titel ist wichtig für unseren späteren Hinweis, daß die in der Sprachwissenschaft viel erörterte Frage, ob das Nomen oder das Verbum die Urform des Wortes darstelle,