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Grammatik und Etymologie von »Sein«

keine echte Frage ist. Diese Scheinfrage ist erst im Gesichtskreis der ausgebildeten Grammatik erwachsen, nicht aus dem Blick auf das noch gar nicht grammatisch zerfaserte Wesen der Sprache selbst.

Die beiden anfänglich alles Sprechen bezeichnenden Titel ὄνομα und ῥῆμα verengen sich dann in ihrer Bedeutung und werden zu Titeln für die beiden Hauptklassen der Wörter. Platon gibt in dem genannten Dialog (261 e sqq) erstmals eine Auslegung und Begründung dieser Unterscheidung. Platon geht hierbei von der allgemeinen Kennzeichnung der Leistung des Wortes aus. "Ονομα im weiteren Sinne ist δήλωμα τῇ φωνῇ περὶ τὴν οὐσίαν: Offenbarung in bezug und im Umkreis des Seins des Seienden auf dem Wege der Verlautbarung.

Im Umkreis des Seienden lassen sich πρᾶγμα und πρᾶξις unterscheiden. Jenes sind die Sachen, womit wir es zu tun haben, worum es sich jeweils handelt. Diese ist das Handeln und das Tun im weitesten Sinne, der auch die ποίησις einschließt. Die Wörter haben ein zwiefaches Geschlecht (διττον γένος). Sie sind δήλωμα πράγματος (ὄνομα), Eröffnung von Sachen, und δήλωμα πράξεως (ῥῆμα), Eröffnung eines Tuns. Wo ein πλέγμα, eine συμπλοκή (eine verflechtende Prägung beider) geschieht, ist der λόγος ἐλάχιστός τε καὶ πρῶτος, das kürzeste und (doch zugleich) erste (eigentliche) Sagen. Aber erst Aristoteles gibt die deutlichere metaphysische Auslegung des λόγος im Sinne des Aussagesatzes. Er unterscheidet ὄνομα als σημαντικὸν ἄνευ χρόνου und ῥῆμα als προσσημαῖνον χρόνον (de interpretatione c. 2-4). Diese Aufhellung des Wesens des λόγος wurde vorbildlich und maßgebend für die nachkommende Ausbildung der Logik und [45] Grammatik. Und so sehr diese alsbald ins Schulmäßige absank, der Gegenstand selbst wußte sich immer wieder in einer maßgebenden Bedeutung zu erhalten. Lehrbücher der griechischen und lateinischen Grammatiker waren im Abendland über ein Jahrtausend lang Schulbücher. Man weiß, diese Zeitalter waren alles andere als schwach und klein.