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§ 20. Sein im Doppelsinne von φύσις und οὐσία

b) Das griechische Verständnis von
πτῶσις (casus) und ἔγκλισις (declinatio)


Wir fragen nach der Wortform, die bei den Lateinern infinitivus heißt. Schon der verneinende Ausdruck modus infinitivus verbi verweist auf einen modus finitus, eine Weise der Begrenztheit und Bestimmtheit des verbalen Bedeutens. Welches ist nun das griechische Vorbild zu dieser Unterscheidung? Was die römischen Grammatiker mit dem blassen Ausdruck modus bezeichnen, heißt bei den Griechen ἔγκλισις, Neigung nach der Seite. Dieses Wort bewegt sich mit einem anderen grammatischen Formwort der Griechen in derselben Bedeutungsrichtung. Es ist uns aus der lateinischen Übersetzung bekannter: πτῶσις, casus, der Fall im Sinne der Abwandlung des Nomen. Anfänglich bezeichnet aber πτῶσις jede Art von Abwandlung der Grundform (Abweichung, Declination) nicht nur bei Substantiven, sondern auch bei Verben. Erst nach der deutlicheren Herausarbeitung des Unterschiedes dieser Wortformen wurden auch ihre zugehörigen Abwandlungen mit gesonderten Titeln bezeichnet. Die Abwandlung des Nomen heißt πτῶσις (casus); diejenige des Verbum heißt ἔγκλισις (declinatio).


§ 20. Das griechischeSeinsverständnis: Sein als Ständigkeit
im Doppelsinne von φύσις und οὐσία


Wie kommen nun gerade diese beiden Titel πτῶσις und ἔγκλισις bei der Betrachtung der Sprache und ihrer Abwandlungen in den Gebrauch? Die Sprache gilt offenbar als etwas, was auch ist, als ein Seiendes unter anderem. In der Auffassung und Bestimmung der Sprache muß sich daher die Art, wie die Griechen überhaupt das Seiende in seinem Sein verstanden, geltend machen. Nur von hier aus können wir jene Titel, die für uns als modus und casus längst abgegriffen und nichtssagend geworden sind, begreifen.