Da wir in dieser Vorlesung ständig auf die Seinsauffassung der Griechen zurückkommen, weil diese, wenn auch ganz verflacht und als solche unerkannt die auch heute noch herrschende abendländische ist und das nicht etwa nur in den Lehren der Philosophie, sondern im täglichsten Alltag, wollen wir die griechische Auffassung des Seins in den ersten Grundzügen im Verfolg der griechischen Betrachtung der Sprache kennzeichnen.
Dieser Weg ist mit Absicht gewählt. Er soll an einem Beispiel der Grammatik zeigen, daß und wie die für das Abendland maßgebende Erfahrung, Auffassung und Auslegung der Sprache aus einem ganz bestimmten Verstehen des Seins erwachsen ist.
[46] Die Namen πτῶσις und ἔγκλισις bedeuten Fallen, Kippen und Sichneigen. Darin liegt ein Ab-weichen vom Aufrecht- und Geradestehen. Dieses aber, das in sich hoch gerichtete Da-stehen, zum Stand kommen und im Stand bleiben, verstehen die Griechen als Sein. Was dergestalt zum Stand kommt, in sich ständig wird, schlägt sich dabei von sich her frei in die Notwendigkeit seiner Grenze, πέρας. Diese ist nichts, was zum Seienden erst von außen hinzukommt. Noch weniger ist sie ein Mangel im Sinne einer abträglichen Beschränkung. Der von der Grenze her sich bändigende Halt, das Sich-Haben, worin das Ständige sich hält, ist das Sein des Seienden, macht vielmehr erst das Seiende zu einem solchen im Unterschied zum Unseienden. Zum Stand kommen heißt darnach: sich Grenze erringen, er-grenzen. Deshalb ist ein Grundcharakter des Seienden τὸ τέλος, was nicht Ziel und nicht Zweck, sondern Ende bedeutet. »Ende« ist hier keineswegs im verneinenden Sinne gemeint, als ob mit ihm etwas nicht mehr weiter gehe, versage und aufhöre. Das Ende ist Endung im Sinne von Vollendung. Grenze und Ende sind jenes, womit das Seiende zu sein beginnt. Von daher ist der höchste Titel zu verstehen, den Aristoteles für das Sein gebraucht, die ἐντελέχεια, — das Sich-in-der-Endung (Grenze)halten (wahren). Was die nachkommende Philosophie und gar