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§ 20. Sein im Doppelsinne von φύσις und οὐσία

Weltwerden ist die eigentliche Geschichte. Kampf läßt nicht als solcher nur ent-stehen, sondern er allein bewahrt auch das Seiende in seiner Ständigkeit. Wo der Kampf aussetzt, verschwindet zwar das Seiende nicht, aber Welt wendet sich weg. Das Seiende wird nicht mehr behauptet [d. h. als solches gewahrt]. Es wird jetzt nur vor-gefunden, ist Befund. Das Vollendete ist nicht mehr das in Grenzen Geschlagene [d. h. in seine Gestalt Gestellte], sondern nur noch das Fertige, als solches für jedermann Verfügbare, das Vorhandene, darin keine Welt mehr weitet — vielmehr schaltet und waltet jetzt der Mensch mit dem Verfügbaren. Das Seiende wird Gegenstand, sei es für das Betrachten (Anblick, Bild), sei es für das Machen, als Gemächte und Berechnung. Das ursprünglich Waltende, die φύσις, fällt jetzt herab zum Vorbild für das Abbilden und Nachmachen. Natur wird jetzt ein besonderer Bereich im Unterschied zur Kunst und zu allem Herstellbaren und Planmäßigen. Das ursprünglich aufgehende Sichaufrichten der Gewalten des Waltenden, das φαίνεσθαι als Erscheinen im großen Sinne der Epiphanie einer Welt, wird jetzt zur herzeigbaren Sichtbarkeit vorhandener Dinge. Das Auge, das Sehen, das ursprünglich schauend einstmals in das Walten erst den Entwurf hineinschaute, hineinsehend das Werk her-stellte, wird jetzt zum bloßen Ansehen und Besehen und Begaffen. Der Anblick ist nur noch das Optische. (Schopenhauers »Weltauge« — das reine Erkennen …)

Zwar gibt es immer noch das Seiende. Sein Gemenge gibt sich lauter und breiter als je zuvor; aber das Sein ist aus ihm gewichen. Das Seiende wird nur dadurch im Schein seiner Ständigkeit gehalten, daß es zum »Gegenstand« für die endlose und wechselvolle Betriebsamkeit gemacht wird.


Wenn die Schaffenden aus dem Volk gewichen sind und nur noch als abseitige Merkwürdigkeit, als Zierrat, als lebensfremde Käuze gerade noch geduldet werden, wenn der eigentliche Kampf aussetzt und sich in das bloß Polemische, in die