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Grammatik und Etymologie von »Sein«

Umtriebe und Machenschaften des Menschen innerhalb des Vorhandenen verlagert, dann hat der Verfall schon begonnen. Denn auch dann, wenn ein Zeitalter sich noch bemüht, das überkommene Niveau und die Ranghöhe seines Daseins nur zu halten, sinkt schon das Niveau. Ein solches wird nur gehalten, indem es jederzeit schöpferisch überstiegen wird.

»Sein« sagt für die Griechen: die Ständigkeit in dem Doppelsinne :

1. das In-sich-stehen als Ent-stehendes (φύσις),

2. als solches aber »ständig«, d. h. bleibend, Verweilen (οὐσία).

Nicht-sein heißt demnach: aus solcher in sich ent-standenen Ständigkeit heraustreten: εξίστασθαι - »Existenz«, »existieren« bedeutet für die Griechen gerade: nicht-sein. Die Gedankenlosigkeit und Verblasenheit, in der man das Wort »Existenz« und »existieren« zur Bezeichnung des Seins gebraucht, belegt erneut die Entfremdung gegenüber dem Sein und einer ursprünglich mächtigen und bestimmten Auslegung seiner.


§ 21. Das griechische Verständnis von Sprache


Πτώσΐζ, εγκλισις besagt Fallen, Neigen, d. h. nichts anderes als: aus der Ständigkeit des Standes heraustreten und so davon abweichen. Wir stellen die Frage, weshalb bei der Sprachbetrachtung gerade diese beiden Titel in Gebrauch kamen. Die Bedeutung des Wortes πτώσις - εγκλισις setzt in sich die Vorstellung eines aufrechten Standes voraus. Wir sagten: Die Griechen fassen auch die Sprache als etwas Seiendes und somit im Sinne ihres Verständnisses des Seins. Seiend ist das Ständige und als solches sich Darstellende, das Erscheinende. Dieses zeigt sich vorwiegend dem Sehen. Die Griechen betrachten die Sprache in gewissem weiten Sinne optisch, nämlich vom Geschriebenen her. Darin kommt Gesprochenes zum Stehen. Die Sprache ist, d. h. sie steht im Schriftbild des Wortes, in den Schriftzeichen, in den Buchstaben, γράμματα. Darum stellt die Grammatik die