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Grammatik und Etymologie von »Sein«

Die Infinitivform λέγειν, sagen, kann so verstanden werden, daß man dabei auch nicht mehr an Genus und Tempus denkt, sondern nur an das, was das Verbum überhaupt meint und zum Vorschein bringt. In dieser Hinsicht trifft die ursprüngliche griechische Bezeichnung den Sachverhalt besonders gut. Im Sinne des lateinischen Titels ist der Infinitiv eine Wortform, die das in ihr Bedeutete von allen bestimmten Bedeutungsbezügen gleichsam abschneidet. Die Bedeutung wird aus allen besonderen Bezügen herausgezogen (ab-strahiert). In dieser Abstraktion gibt der Infinitiv nur das, was man bei dem Wort sich überhaupt vorstellt. Man sagt daher in der heutigen Grammatik: Der Infinitiv ist der »abstrakte Verbalbegriff«. Er begreift und faßt nur überhaupt und im allgemeinen, was gemeint wird. Er nennt lediglich dieses allgemein Gemeinte. In unserer Sprache heißt der Infinitiv die Nennform des Zeitwortes. In der Wortform und Bedeutungsweise des Infinitivs liegt ein Mangel, ein Fehlen. Der Infinitiv bringt nicht mehr zum Vorschein, was das Verbum sonst offenbar macht.


b) Der Infinitiv des griechischen Wortes εϊνοα


Der Infinitiv ist denn auch in der Ordnung der zeitlichen Entstehung der Wortformen der Sprache ein späteres und spätestes Ergebnis. Dies läßt sich am Infinitiv desjenigen griechischen Wortes zeigen, dessen Fragwürdigkeit unsere Erörterung veranlaßt. »Sein« heißt griechisch εἶναι. Wir wissen, daß eine Hochsprache sich aus dem ursprünglich boden- und geschichtsständigen Sagen der Mundarten entfaltet. So ist die Sprache Homers eine Mischung verschiedener Mundarten. Diese bewahren die frühere Sprachform. In der Bildung des Infinitivs gehen die griechischen Mundarten am weitesten auseinander, weshalb die Sprachforschung gerade die Verschiedenheit des Infinitivs zum Hauptmerkmal gemacht hat, »um die Dialekte zu scheiden und zu gruppieren« (vgl. Wackernagel, Vorlesungen über Syntax I, 257 f.).