73
§ 21. Griechisches Verständnis von Sprache

Sein heißt attisch εϊναι, arkadisch ήναι, lesbisch εμμεναι, dorisch ήμεν. Sein heißt lateinisch esse, oskisch ezum, umbrisch erom. In beiden Sprachen waren die modi finiti bereits verfestigt und Gemeingut, während die εγκλισις άπαρεμφατικός noch ihre mundartliche Eigenart behielt und schwankte. Wir beachten diesen Umstand als Hinweis darauf, daß der Infinitiv im Ganzen der Sprache eine ausgezeichnete Bedeutung hat. Die Frage bleibt, ob die erwähnte Dauerfähigkeit der Infinitivformen darin beruht, daß er eine abstrakte und späte Verbalform darstellt, oder darin, daß er solches nennt, was allen Abwandlungen des Verbum zugrunde liegt. Andererseits ist die Mahnung berechtigt, vor der Wortform des Infinitivs auf der Hut zu sein, da gerade sie, grammatisch gesehen, am wenigsten von der Bedeutung des Verbum vermittelt.


c) Die Verfestigung und Vergegenständlichung der allgemeinsten Leere


Allein, wir haben die in Rede stehende Wortform noch gar nicht vollständig aufgeklärt, gesetzt, daß wir die Form beachten, in der wir von »sein« zu sprechen pflegen. Wir sagen »das Sein«. Solches Sagen ergibt sich dadurch, daß wir die abstrakte Infinitivform durch die Vorsetzung des Artikels zu einem Substantivum umbilden: τό εἶναι. Der Artikel ist ursprünglich ein hinweisendes Fürwort. Er besagt, daß das, worauf hingezeigt wird, gleichsam für sich steht und ist. Das hinweisende und vorzeigende Nennen hat in der Sprache stets eine ausgezeichnete Leistung. Sagen wir nur »sein«, dann bleibt das Genannte schon unbestimmt genug. Durch die sprachliche Umbildung des Infinitivs zum Verbalsubstantiv wird jedoch die schon im Infinitiv liegende Leere gleichsam noch verfestigt; »sein« wird wie ein feststehender Gegenstand hingestellt. Das Substantivum »Sein« unterstellt, das so Benannte »sei« nun selbst. »Das Sein« wird jetzt selbst solches, das »ist«, wo doch offenbar nur Seiendes ist, aber nicht auch noch und wieder das Sein. Wäre indessen