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Grammatik und Etymologie von »Sein«

das Sein selbst etwas Seiendes am Seienden, dann müßten wir es doch finden, zumal uns das Seiendsein am Seienden auch dann entgegentritt, wenn wir seine besonderen Beschaffenheiten im einzelnen nicht bestimmt fassen.

Können wir uns jetzt noch darüber wundern, daß das Sein ein so leeres Wort ist, wenn schon die Wortform auf eine Entleerung und die scheinbare Verfestigung der Leere angelegt ist? Dieses Wort »das Sein« wird uns zur Warnung. Lassen wir uns nicht weglocken in die leerste Form eines Verbalsubstantivs. Verfangen wir uns auch nicht in der Abstraktion des Infinitivs »sein«. Halten wir uns, wenn wir schon überhaupt von der Sprache her zu »sein« durchkommen wollen, an das: ich bin, du bist, er, sie, es ist, wir sind u. s. f., ich war, wir waren, sie sind gewesen u. s. f. Aber damit wird unser Verständnis dessen, was hier »sein« heißt und worin sein Wesen beruht, um nichts deutlicher. Im Gegenteil! Machen wir nur den Versuch!

Wir sagen: »ich bin«. Jeder kann das gemeinte Sein je nur von sich sagen: mein Sein. Worin besteht es und wo steckt es? Anscheinend müßten wir dies am ehesten ans Licht bringen, da wir keinem Seienden so nah sind als dem, das wir selbst sind. Alles andere Seiende sind wir nicht selbst. Alles andere »ist« noch und schon, wenn wir selbst nicht sind. So nah wie dem Seienden, das wir selbst sind, können wir anscheinend gegenüber keinem anderen Seienden sein. Wir können eigentlich nicht einmal sagen, daß wir dem Seienden, das wir je selbst sind, nahe seien, da wir es doch selbst sind. Und doch gilt hier: Jeder ist sich selbst der Fernste, so fern wie das Ich dem Du im »Du bist«.

Aber heute gilt das Wir. Jetzt ist die »Wirzeit« statt der Ichzeit. Wir sind. Welches Sein nennen wir in diesem Satz? Wir sagen auch: die Fenster sind, die Steine sind. Liegt in dieser Aussage eine Feststellung des Vorhandenseins einer Mehrzahl von Ichen? Und wie steht es mit dem »ich war« und »wir waren«, mit dem Sein in der Vergangenheit? Ist es von uns weg-