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Frage nach dem. Wesen des Seins

Münster. Seiend sind Hölderlins Hymnen. Seiend sind die Verbrecher. Seiend sind die Irren eines Irrenhauses.

Seiendes überall und immer nach Belieben. Gewiß. Allein, woher wissen wir denn, daß all dies, was wir so sicher anführen und aufzählen, jeweils Seiendes ist? Die Frage klingt töricht; denn wir können doch, untrüglich für jeden Normalmenschen, feststellen, daß dieses Seiende ist. Allerdings. [Es ist dabei auch nicht nötig, daß wir die der Umgangsprache fremden Wörter »Seiendes« und »das Seiende« gebrauchen.] Wir denken jetzt auch nicht daran, zu bezweifeln, ob all dieses Seiende überhaupt sei, indem wir den Zweifel auf die angeblich wissenschaftliche Feststellung stützen, daß, was wir da erfahren, nur unsere Empfindungen sind und wir aus unserem Leib nicht herauskommen, auf den alles Genannte bezogen bleibt. Wir möchten freilich zum voraus vermerken, daß solche Überlegungen, die sich so leicht und billig ein höchst kritisches und überlegenes Ansehen geben, durchaus unkritisch sind.

Wir lassen indessen das Seiende so, wie es uns im Alltag sowohl wie in großen Stunden und Augenblicken umdrängt und bestürmt, beflügelt und niederschlägt. Wir lassen all das Seiende sein, wie es ist. Aber, wenn wir uns so im Zuge unseres [59] geschichtlichen Da-seins halten, wie von selbst und ohne Grübelei, wenn wir das Seiende je das Seiende sein lassen, das es ist, dann müssen wir doch, bei all dem schon wissen, was das heißt : »ist« und »sein«.

Wie sollen wir aber feststellen, daß ein irgendwo und irgendwann vermutetes Seiendes nicht ist, wenn wir nicht im voraus klar zwischen Sein und Nichtsein unterscheiden können? Wie sollen wir diesen entschiedenen Unterschied vollziehen, wenn wir nicht ebenso entschieden und bestimmt wissen, was das hierbei Unterschiedene selbst meint: nämlich Nichtsein und Sein? Wie soll uns je und immer Seiendes ein Seiendes sein, wenn wir nicht schon »Sein« und »Nichtsein« verstehen?

Nun begegnet uns aber ständig Seiendes. Wir unterscheiden es in seinem So- und Anderssein, urteilen über Sein und Nichtsein.