Wir wissen demnach eindeutig, was »Sein« heißt. Die Behauptung, dieses Wort sei leer und unbestimmt, wäre dann nur eine oberflächliche Redensart und ein Irrtum.
Wir geraten durch solche Überlegungen in eine höchst zwiespältige Lage. Anfangs haben wir festgestellt: das Wort »Sein« sagt uns nichts Bestimmtes. Wir haben uns dabei nichts vorgeredet, sondern wir fanden und finden es auch jetzt noch: »Sein« hat eine verschwebende, unbestimmte Bedeutung. Aber andererseits überzeugt uns die jetzt durchgeführte Betrachtung davon, daß wir »Sein« klar und sicher vom Nichtsein unterscheiden.
Damit wir uns hier zurecht finden, müssen wir folgendes beachten: Es kann zwar zweifelhaft werden, ob irgendwo und irgendwann ein einzelnes Seiendes ist oder ob es nicht ist. Wir können uns darüber täuschen, ob z. B. das Fenster dort, was doch ein Seiendes ist, geschlossen ist oder solches nicht ist. Allein, schon dazu, daß solches überhaupt nur zweifelhaft werden kann, muß der bestimmte Unterschied von Sein und Nichtsein vorschweben. Ob Sein vom Nichtsein verschieden sei, daran zweifeln wir in diesem Falle nicht.
Das Wort »Sein« ist somit in seiner Bedeutung unbestimmt und gleichwohl verstehen wir es bestimmt. »Sein« erweist sich als ein höchst bestimmtes völlig Unbestimmtes. Nach der gewöhnlichen Logik liegt hier ein offenkundiger Widerspruch vor. Etwas sich Widersprechendes kann aber nicht sein. Es gibt keinen viereckigen Kreis. Und doch gibt es jenen Widerspruch: das Sein als das bestimmte völlig Unbestimmte. Wir sehen uns, wenn wir uns nichts vormachen und bei den vielen Geschäften und Abhaltungen des Tages einen Augenblick dafür Zeit haben, mitten innestehen in diesem Widerspruch. Dieser unser Stand ist so wirklich wie kaum anderes, was wir sonst so nennen, [60] wirklicher denn Hunde und Katzen, Automobile und Zeitungen.
Die Tatsache, daß Sein uns ein leeres Wort ist, bekommt plötzlich ein ganz anderes Gesicht. Wir werden gegen die behauptete