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§ 27. Unentbehrlichkeit des Seinsverständnisses

Gegenüber der Tatsache, daß uns das Wort »Sein« bedeutungsmäßig ein unbestimmter Dunst bleibt, ist die Tatsache, daß wir andererseits Sein verstehen und es gegen Nichtsein sicher unterscheiden, nicht nur eine andere zweite Tatsache, sondern beide gehören in Eins zusammen. Dieses Eine hat für uns inzwischen überhaupt den Charakter einer Tatsache verloren. Wir finden es keinesfalls unter vielem anderen Vorhandenen als auch vorhanden vor. Statt dessen ahnen wir, daß in dem, was wir bisher nur wie eine Tatsache aufgegriffen haben, etwas vorsichgeht. Es geschieht in einer Weise, die aus der Reihe sonstiger »Vorkommnisse« herausfällt.


§ 27. Der Grundversuch: Die Unentbehrlichkeit des
Seinsverständnisses: Ohne Seinsverständnis kein Sagen,
ohne Sage kein Menschsein


Doch bevor wir uns weiterhin bemühen, das, was in der genannten Tatsache vorsichgeht, in seiner Wahrheit zu fassen, machen wir noch einmal und zum letzten Mal den Versuch, es als etwas Bekanntes und Beliebiges zu nehmen. Wir setzen den Fall, diese Tatsache bestehe überhaupt nicht. Angenommen, es gäbe die unbestimmte Bedeutung von Sein nicht und wir verstünden auch nicht, was diese Bedeutung meint. Was wäre dann? Nur ein Name und ein Zeitwort weniger in unserer Sprache? Nein. Dann gäbe es überhaupt keine Sprache. Es gäbe überhaupt nicht dieses, daß in Worten Seiendes als ein solches sich eröffnete, daß es angesprochen und besprochen werden könnte. Denn Seiendes als ein solches sagen, schließt in sich ein: Seiendes als Seiendes, d. h. dessen Sein im voraus verstehen. Gesetzt, wir würden das Sein überhaupt nicht verstehen, gesetzt, das Wort »Sein« hätte nicht einmal jene verschwebende Bedeutung, gerade dann gäbe es überhaupt kein einziges Wort. Wir selbst könnten überhaupt nie Sagende sein. Wir vermöchten überhaupt nicht die zu sein, als welche wir sind. Denn