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Frage nach dem. Wesen des Seins

Mensch-sein heißt: ein Sagender sein. Der Mensch ist nur deshalb ein Ja- und Neinsager, weil er im Grunde seines Wesens ein Sager, der Sager ist. Das ist seine Auszeichnung und zugleich seine Not. Sie unterscheidet ihn gegenüber Stein, Pflanze, Tier, aber auch gegenüber den Göttern. Selbst wenn wir tausend Augen und tausend Ohren, tausend Hände und viele andere Sinne und Organe hätten, stünde unser Wesen nicht in der Macht der Sprache, dann bliebe uns alles Seiende verschlossen: das Seiende, das wir selbst sind, nicht minder als das Seiende, das wir selbst nicht sind.



§ 28. Das Seinsverständnis als » Grund« des

menschlichen Daseins


So zeigt sich denn im Rückblick auf das Bisherige folgende Sachlage: Indem wir zunächst dieses [vorerst Namenlose], daß uns das Sein nur ein leeres Wort von verschwebender Bedeutung ist, als eine Tatsache ansetzten, haben wir es herabgesetzt und damit seines eigentlichen Ranges entsetzt. Für unser Dasein hat dagegen dieses, daß wir, wenn auch unbestimmt, das Sein verstehen, den höchsten Rang, sofern darin sich eine Macht bekundet, in der überhaupt die Wesensmöglichkeit unseres Daseins gründet. Nicht eine Tatsache unter anderen ist es, sondern solches, was gemäß seinem Rang die höchste Würdigung fordert, gesetzt, daß unser Dasein, das immer ein geschichtliches ist, uns nicht eine Gleichgültigkeit bleibt. Doch selbst dazu, daß uns das Dasein ein gleichgültiges Seiendes bleibe, müßten wir das Sein verstehen. Ohne dieses Verstehen könnten wir nicht einmal Nein zu unserem Dasein sagen.

Nur indem wir diesen Vorrang des Verstehens von Sein überhaupt in seinem Rang würdigen, bewahren wir ihn als Rang. In welcher Weise können wir diesen Rang würdigen, in seiner Würde erhalten? Das ist nicht in unser Belieben gestellt.