§ 29. Das Verstehen von Sein und das Sein selbst als das
Fragwürdigste allen Fragens. Das Fragen nach dem
Sinn von Sein


Weil das Verstehen des Seins zunächst und zumeist in einer unbestimmten Bedeutung verschwebt und dennoch wiederum in diesem Wissen sicher und bestimmt bleibt, weil demnach das Verstehen des Seins bei all seinem Rang dunkel, verworren, verdeckt und verborgen ist, muß es aufgehellt, entwirrt und der Verborgenheit entrissen werden. Das kann nur geschehen, indem wir diesem Verstehen des Seins, das wir erst nur wie eine Tatsache hinnahmen, rcac/ifragen, um es in Frage zu stellen.

Das Fragen ist die echte und rechte und einzige Weise der Würdigung dessen, was aus höchstem Rang unser Dasein in der Macht hält. Dieses unser Verstehen von Sein und vollends das Sein selbst ist daher das Fragwürdigste alles Fragens. Wir fragen um so echter, je unmittelbarer und unentwegter wir beim Fragwürdigsten aushalten, dabei nämlich, daß das Sein uns das gänzlich unbestimmt und doch zuhöchst bestimmt Verstandene ist.

Wir verstehen das Wort »Sein« und damit alle seine Abwandlungen, wenngleich es so aussieht, als bliebe dieses Verstehen unbestimmt. Solches, was wir verstehen, was im Verstehen sich uns überhaupt irgendwie eröffnet, von dem sagen wir: es [64] hat einen Sinn. Das Sein hat, sofern es überhaupt verstanden wird, einen Sinn. Das Sein als das Fragwürdigste erfahren und begreifen, eigens dem Sein nachfragen, heißt dann nichts anderes als : nach dem Sinn von Sein fragen.

In der Abhandlung »Sein und Zeit« wird die Frage nach dem Sinn des Seins erstmals in der Geschichte der Philosophie als Frage eigens gestellt und entwickelt. Dort ist auch ausführlich gesagt und begründet, was mit Sinn gemeint ist [nämlich die Offenbarkeit des Seins, nicht nur des Seienden als solchen, vgl. Sein und Zeit §§ 32, 44,65],

Warum dürfen wir das jetzt Genannte nicht mehr eine Tatsache

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