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Frage nach dem. Wesen des Seins

nennen? Weshalb war diese Benennung von Anfang an irreführend? Weil dieses, daß wir das Sein verstehen, in unserem Dasein nicht nur auch vorkommt wie etwa dieses, daß wir so und so beschaffene Ohrläppchen besitzen. Statt solcher könnte irgendein anderes Gebilde das Hörorgan mitausmachen. Daß wir das Sein verstehen, ist nicht nur wirklich, sondern es ist notwendig. Ohne solche Eröffnung des Seins könnten wir überhaupt nicht »die Menschen« sein. Daß wir sind, ist freilich nicht unbedingt notwendig. Es besteht an sich die Möglichkeit, daß der Mensch überhaupt nicht ist. Es gab doch eine Zeit, da der Mensch nicht war. Aber streng genommen können wir nicht sagen: es gab eine Zeit, da der Mensch nicht war. Zu jeder Zeit war und ist und wird der Mensch sein, weil Zeit sich nur zeitigt, sofern der Mensch ist. Es gibt keine Zeit, da der Mensch nicht war, nicht weil der Mensch von Ewigkeit her und in alle Ewigkeit hin ist, sondern weil Zeit nicht Ewigkeit ist und Zeit sich nur je zu einer Zeit als menschlich-geschichtliches Dasein zeitigt. Wenn aber der Mensch im Dasein steht, dann ist eine notwendige Bedingung dafür, daß er da-sein kann, dieses, daß er das Sein versteht. Sofern solches notwendig ist, ist der Mensch auch geschichtlich wirklich. Deshalb verstehen wir das Sein, und zwar nicht nur, wie es zunächst scheinen möchte, in der Weise der verschwebenden Wortbedeutung. Jene Bestimmtheit, in der wir die unbestimmte Bedeutung verstehen, läßt sich vielmehr eindeutig umgrenzen, und zwar nicht nachträglich, sondern als eine solche, die uns unwissentlich von Grund aus beherrscht. Um das zu zeigen, gehen wir wieder vom Wort »Sein« aus. Hier ist aber daran zu erinnern, daß wir das Wort gemäß der zu Beginn gestellten metaphysischen Leitfrage so weit gebrauchen, daß es seine Grenze nur am Nichts findet. Jegliches, was nicht schlechthin nichts ist, ist, und sogar das Nichts »gehört«uns zum»Sein«.