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§ 31. Angewiesenheit von Sein auf Sprache 95

wohl wieder vom Wort ausgehen, dann muß es mit der Sprache hier und überhaupt eine eigene Bewandtnis haben.

Gemeinhin gilt die Sprache, das Wort, als nachträglicher und beiherlaufender Ausdruck der Erlebnisse. Sofern in diesen Erlebnissen Dinge und Vorgänge erlebt werden, ist die Sprache mittelbar auch Ausdruck, gleichsam eine Wiedergabe des erlebten Seienden. Das Wort »Uhr« z. B. erlaubt die bekannte dreifache Unterscheidung 1. hinsichtlich der hörbaren und sichtbaren Wortgestalt; 2. hinsichtlich der Bedeutung dessen, was man sich dabei überhaupt vorstellt; 3. hinsichtlich der Sache: eine, diese einzelne Uhr. Dabei ist (1) das Zeichen für (2) und (2) der Hinweis auf (3). So können wir vermutlich auch bei dem Wort »Sein« Wortgestalt, Wortbedeutung und die Sache unterscheiden. Und man sieht leicht: Solange wir uns nur bei der Wortform und ihrer Bedeutung aufhalten, sind wir mit unserer Frage nach dem Sein noch nicht zur Sache gekommen. Wenn wir gar meinen wollten, durch bloße Erörterungen des Wortes und der Wortbedeutung schon die Sache und das Wesen der Sache, also hier das Sein, zu erfassen, dann wäre dies ein offenkundiger Irrtum. Wir dürften ihm kaum verfallen; denn unser Vorgehen gliche dem Verfahren, die Bewegungsvorgänge des Äthers, der Materie, die atomaren Abläufe dadurch festzustellen und zu untersuchen, daß man über die Wörter »Atom« und »Äther« grammatische Erörterungen anstellt, statt die notwendigen physikalischen Experimente vorzunehmen.

Mag also das Wort »Sein« eine unbestimmte oder auch eine bestimmte Bedeutung oder, wie sich zeigte, beides zugleich haben, es gilt, über das Bedeutungsmäßige hinaus zur Sache zu kommen. Aber ist »Sein« eine Sache wie Uhren, Häuser und überhaupt irgendein Seiendes? Wir sind schon oft darauf gestoßen, [67] wir haben uns genug daran gestoßen, daß das Sein nichts Seiendes ist und kein seiendes Bestandstück des Seienden. Das Sein des Gebäudes drüben ist nicht auch etwas und von gleicher Art wie Dach und Keller. Dem Wort und der Bedeutung »Sein« entspricht mithin keine Sache.