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§ 32. Die eigene Bestimmtheit und die vom Sein her
gefügte Anweisung unseres Verstehens des Seins.
Das »ist« — in verschiedenen Beispielen


Nach dieser Zwischenbetrachtung über die Eigentümlichkeit, daß die Seinsfrage dem Fragen nach dem Wort innig verhaftet bleibt, nehmen wir den Gang unseres Fragens wieder auf. Es gilt zu zeigen, daß und inwiefern unser Verstehen des Seins eine eigene Bestimmtheit und vom Sein her seine gefügte Anweisung hat. Wenn wir jetzt bei einem Sagen des Seins ansetzen, weil wir dazu in gewisser Weise immer und wesensmäßig genötigt sind, dann versuchen wir auf das darin gesagte Sein selbst zu achten. Wir wählen ein einfaches und geläufiges und beinahe lässiges Sagen, wobei das Sein in einer Wortform gesagt wird, deren Gebrauch so häufig ist, daß wir dies kaum noch bemerken.

Wir sagen: »Gott ist«. »Die Erde ist«. »Der Vortrag ist im Hörsaal«. »Dieser Mann ist aus dem Schwäbischen«. »Der Becher ist aus Silber«. »Der Bauer ist aufs Feld«. »Das Buch ist mir«. »Er ist des Todes«. »Rot ist backbord«. »In Rußland ist Hungersnot«. »Der Feind ist auf dem Rückzug«. »In den Weinbergen ist die Reblaus«. »Der Hund ist im Garten«. »Uber allen Gipfeln / ist Ruh«.

Jedesmal wird das »ist« anders gemeint. Wir können uns davon leicht überzeugen, zumal wenn wir dieses Sagen des »ist« so nehmen, wie es wirklich geschieht, d. h. als jeweils aus einer bestimmten Lage, Aufgabe und Stimmung gesprochen, nicht als bloße Sätze und abgestandene Satzbeispiele einer Grammatik.

»Gott ist«; d. h. wirklich gegenwärtig. »Die Erde ist«; d. h. wir erfahren und meinen sie als ständig vorhanden. »Der Vortrag ist im Hörsaal«; er findet statt. »Der Mann ist aus dem Schwäbischen«; d. h. er stammt dort her. »Der Becher ist aus Silber«; d. h. er besteht aus . .. »Der Bauer ist aufs er hat seinen Aufenthalt aufs Feld verlegt, er hält sich dort auf.