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Frage nach dem. Wesen des Seins

»Das Buch ist mir«; d. h. es gehört mir. »Er ist des Todes«; d. h. dem Tod verfallen. »Rot ist backbord«; d. h. es steht für. »Der Hund ist im Garten«; d. h. er treibt sich dort herum. »Über allen Gipfeln / ist Ruh«; d. h. ??? Heißt das »ist« in den Versen: Ruhe befindet sich, ist vorhanden, findet statt, hält sich auf? All das will hier nicht passen. Und doch ist es dasselbe einfache »ist«. Oder meint der Vers: Über allen Gipfeln herrscht Ruh, so wie in einer Schulklasse Ruhe herrscht? Auch nicht! Oder vielleicht: Über allen Gipfeln liegt Ruh oder waltet Ruh? Solches schon eher, aber diese Umschreibung trifft auch nicht.

»Über allen Gipfeln / ist Ruh«; das »ist« läßt sich gar nicht umschreiben und ist doch nur dieses »ist«!, hingesagt in jene wenigen Verse, die Goethe mit Bleistift an den Fensterpfosten eines Bretterhäuschens auf dem Kickelhahn bei Ilmenau geschrieben (vgl. den Brief an Zelter vom 4. 9. 1831). Seltsam, daß wir hier mit der Umschreibung schwanken, zögern, um sie dann schließlich ganz zu lassen, nicht weil das Verstehen zu verwikkelt und zu schwierig wäre, sondern weil der Vers so einfach gesagt ist, noch einfacher und einziger als jedes sonst geläufige »ist«, das sich uns unbesehen fortgesetzt ins alltägliche Sagen und Reden einmischt.

Wie immer es mit der Auslegung der einzelnen Beispiele bestellt sein mag, das aufgeführte Sagen des »ist« zeigt klar das eine: In dem »ist« eröffnet sich uns das Sein in einer vielfältigen Weise. Die zunächst naheliegende Behauptung, das Sein sei ein leeres Wort, erweist sich erneut und noch eindringlicher als unwahr.


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik