§ 33. Die Bedeutungsmannigfaltigkeit des »ist«.
Das Verstehen des Seins aus dem »ist« im Sinne der
beständigen Anwesenheit (οὐσία)

Aber - so möchte man dem jetzt entgegenhalten - das »ist« wird allerdings in einer vielfältigen Weise gemeint. Das liegt jedoch keineswegs im »ist« selbst, sondern lediglich an dem mannigfaltigen Sachgehalt der Aussagen, die inhaltlich je verschiedenes Seiendes betreffen: Gott, Erde, Becher, Bauer, Buch, Hungersnot, Ruhe über den Gipfeln. Nur weil das »ist« an sich unbestimmt und in seiner Bedeutung leer bleibt, kann es zu so vielfältiger Verwendung bereitliegen und sich »je nach dem« erfüllen und bestimmen. Die angeführte Mannigfaltigkeit bestimmter Bedeutungen beweist daher das Gegenteil dessen, was gezeigt werden sollte. Sie gibt nur den deutlichsten Beweis dafür, daß das Sein unbestimmt sein muß, um bestimmbar zu sein.

Die Griechen haben nicht erst an den Naturvorgängen erfahren, was φύσις ist, sondern umgekehrt : aufgrund einer dichtend-denkenden Grunderfahrung des Seins erschloß sich ihnen das, was sie φύσις nennen mußten. Erst aufgrund dieser Erschließung konnten sie dann einen Blick haben für die Natur im engeren Sinne. Φύσις meint daher ursprünglich sowohl den Himmel als auch die Erde, sowohl den Stein als auch die Pflanze, sowohl das Tier als auch den Menschen und die Menschengeschichte als Menschen- und Götterwerk, schließlich und zuerst die Götter selbst unter dem Geschick. Φύσις meint das aufgehende Walten und das von ihm durchwaltete Währen. In diesem aufgehend verweilenden Walten liegen »Werden« sowohl wie »Sein«, im verengten Sinne des starren Verharrens, beschlossen. Φύσις ist das Entstehen, aus dem Verborgenen sich heraus- und dieses so erst in den Stand bringen.

Was ist darauf zu sagen? Wir gelangen hier in den Bereich einer entscheidenden Frage: Wird das »ist« zu einem Mannigfaltigen aufgrund des jeweils ihm zugetragenen Gehalts der Sätze, d. h. der Bereiche dessen, worüber sie aussagen, oder birgt das »ist«, d. h. das Sein, in sich selbst die Vielfalt, deren Faltung es ermöglicht, daß wir überhaupt mannigfaltiges Seiendes in dem, wie es jeweils ist, uns zugänglich machen? Diese Frage sei jetzt nur hingestellt. Wir sind noch nicht gerüstet genug, um sie weiter zu entwickeln. Was sich nicht wegleugnen läßt und worauf allein wir zunächst hinzeigen wollen, ist folgendes: Das »ist« bekundet im Sagen eine reiche Mannigfaltigkeit der Bedeutungen. Wir sagen das »ist« je in einer derselben, ohne daß wir dabei noch eigens, sei es vorher, sei es nachher, eine besondere Auslegung des »ist« vollziehen oder gar über das Sein nachsinnen. Das »ist« springt, bald so, bald so gemeint, uns im Sagen einfach zu. Gleichwohl ist die Mannigfaltigkeit seiner Bedeutungen keine beliebige. Davon wollen wir uns jetzt über-zeugen.