105
§37. Wesenseinheit von Sein und Schein

Heraklit, dem man im schroffen Gegensatz zu Parmenides die Lehre des Werdens zuschreibt, sagt in Wahrheit dasselbe wie jener. Er wäre sonst nicht einer der Größten der großen Griechen, wenn er anderes sagte. Nur darf man seine Lehre vom Werden nicht nach den Vorstellungen eines Darwinisten des 19. Jahrhunderts auslegen. Freilich wurde die spätere Darstellung des Gegensatzes von Sein und Werden nie mehr so einzig in sich ruhend wie im Sagen des Parmenides. Hier in dieser großen Zeit hat das Sagen vom Sein des Seienden in ihm selbst das [verborgene] Wesen des Seins, von dem es sagt. In solcher geschichtlichen Notwendigkeit besteht das Geheimnis der Größe. Aus Gründen, die im folgenden deutlich werden, beschränken wir die Erörterung dieser ersten Scheidung »Sein und Werden« zunächst auf die gegebenen Hinweise.


B. Sein und Schein


§37. Selbstverständlichkeit und Geläufigkeit dieser
Unterscheidung — Nichtverstehen ihres ursprünglichen
Auseinandertretens und ihrer Zusammengehörigkeit.
Drei Weisen des Scheins


Diese Scheidung ist gleich alt mit der erstgenannten. Die Gleichursprünglichkeit beider Scheidungen (Sein und Werden, Sein und Schein) weist auf einen tieferen Zusammenhang, der bis heute noch verschlossen ist. Die zweitgenannte Scheidung (Sein und Schein) konnte nämlich in ihrem echten Gehalt bisher noch nicht wieder entwickelt werden. Dazu ist nötig, sie ursprünglich, d. h. griechisch zu begreifen. Dies ist für uns, denen die neuzeitliche erkenntnistheoretische Mißdeutung aufliegt, für uns, die wir auf die Einfachheit des Wesenhaften nur schwer und dann meist leer ansprechen, nicht leicht.

Zunächst erscheint die Unterscheidung klar. Sein und Schein besagt: Wirkliches im Unterschied und Gegensatz zum Unwirklichen;


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik