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Beschränkung des Seins

Echtes entgegen dem Unechten. In dieser Unterscheidung liegt zugleich eine Abschätzung, bei der das Sein den Vorzug erhält. Wie wir sagen: das Wunder und das Wunderbare, so der Schein und das Scheinbare. Oft führt man die Unterscheidung von Sein und Schein auf die erstgenannte, Sein und Werden, zurück. Das Scheinbare ist das zuweilen Auftauchende und ebenso flüchtig und haltlos wieder Verschwindende gegenüber dem Sein als dem Ständigen.

Die Unterscheidung von Sein und Schein ist uns geläufig, auch eine der vielen abgegriffenen Münzen, die wir im flach gewordenen Alltag unbesehen von Hand zu Hand reichen. Wenn es hochkommt, gebrauchen wir die Unterscheidung als eine moralische Anweisung und Lebensregel, den Schein zu meiden und statt seiner das Sein anzustreben: »mehr sein als scheinen«.

Doch bei all dieser Selbstverständlichkeit und Geläufigkeit des Unterschiedes verstehen wir nicht, inwiefern gerade Sein und Schein ursprünglich auseinandertreten. Daß es geschieht, deutet eine Zusammengehörigkeit an. Worin besteht sie? Die verborgene Einheit von Sein und Schein gilt es vor allem zu begreifen. Wir verstehen sie nicht mehr, weil wir aus dem anfänglichen, geschichtlich gewachsenen Unterschied herausgefallen sind und ihn jetzt nur noch als etwas irgendwann, irgendwo einmal in Umlauf Gesetztes weitertragen.

Wir müssen, um die Scheidung zu begreifen, auch hier in den Anfang zurück.

Doch wenn wir rechtzeitig von der Gedankenlosigkeit und dem Gerede Abstand gewinnen, können wir schon bei uns selbst noch eine Spur zum Verständnis des Unterschiedes finden. Wir sagen »Schein« und kennen den Regen und den Sonnenschein. Die Sonne scheint. Wir erzählen: »Die Stube war vom Schein einer Kerze matt erleuchtet«. Die alemannische Mundart kennt das Wort »Scheinholz«, d. i. solches Holz, das im Finstern leuchtet. Wir kennen aus Darstellungen von Heiligen den Heiligenschein, den strahlenden Ring um das Haupt. Wir kennen aber


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik