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§37. Wesenseinheit von Sein und Schein

auch Scheinheilige, solche, die aussehen wie Heilige, aber keine sind. Wir begegnen dem Scheingefecht, einem Unternehmen, das ein Gefecht vortäuscht. Die Sonne scheint sich, indem sie scheint, um die Erde zu bewegen. Daß der Mond, der scheint, zwei Fuß im Durchmesser mißt, scheint nur so, ist nur ein Schein. Wir stoßen hier auf zwei Arten von Schein und scheinen. Sie stehen aber nicht einfach nebeneinander, sondern die eine ist die Abart der anderen. Die Sonne z. B. kann nur deshalb den Schein an sich haben, daß sie sich um die Erde bewegt, weil sie scheint, d. h. leuchtet und im Leuchten erscheint, d. h. zum Vorschein kommt. Wir erfahren freilich im Scheinen der Sonne als Leuchten und Strahlen zugleich die Strahlung als Wärme. Die Sonne scheint: sie zeigt sich, und es wird warm. Der Lichterschein bringt als Glanz im Heiligenschein den, der ihn trägt, als Heiligen zum Vorschein.

Genauer besehen finden wir drei Weisen des Scheines: 1. den Schein als Glanz und Leuchten; 2. den Schein und das Scheinen als Erscheinen, den Vor-schein, zu dem etwas kommt; 5. den Schein als bloßen Schein, den Anschein, den etwas macht. Zugleichwird aber deutlich: Das an zweiter Stelle genannte »Scheinen«, das Erscheinen im Sinne des Sichzeigens, eignet sowohl dem Schein als Glanz, wie auch dem Schein als Anschein, und zwar nicht als eine beliebige Eigenschaft, sondern als Grund ihrer Möglichkeit. Das Wesen des Scheines liegt im Erscheinen. Es ist das Sich-zeigen, Sich-dar-stellen, An-stehen und Vor-liegen. Das lang erwartete Buch erscheint jetzt, d. h. es liegt vor, ist vorhanden und deshalb zu haben. Sagen wir: der Mond scheint, dann will dies nicht nur heißen: er verbreitet einen Schein, eine gewisse Helle; sondern: er steht am Himmel, er west an, er ist. Die Steme scheinen: leuchtend sind sie Anwesende. Schein bedeutet hier genau dasselbe wie Sein. [Sapphos Verse: αστερες μέν άμφι κάλαν σελάνναν .. . und das Gedicht von Matthias Claudius: »Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen« geben einen günstigen Anhalt, über Sein und Schein nachzudenken.]


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik