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Beschränkung des Seins

§ 38. Oer innere Zusammenhang von Sein und Schein.
Das griechisch verstandene »Sein« als φύσις,
das auf gehend-verweilende Walten und scheinende Erscheinen


Beachten wir das Gesagte, dann treffen wir auf den inneren Zusammenhang von Sein und Schein. Wir fassen ihn aber erst ganz, wenn wir dabei das »Sein« entsprechend ursprünglich, d. h. hier griechisch verstehen. Wir wissen: Sein eröffnet sich den Griechen als φύσις. Das aufgehend-verweilende Walten ist in sich zugleich das scheinende Erscheinen. Die Wortstämme φυ- und φα- nennen dasselbe. Φύειν, das in sich ruhende Aufgehen, ist φαίνεσθαι, Aufleuchten, Sich-zeigen, Erscheinen. Was wir inzwischen an bestimmten Zügen des Seins mehr aufzählungsweise angeführt haben, was der Hinweis auf Parmenides ergab, all dies verschafft uns schon ein gewisses Verständnis des griechischen Grundwortes für das Sein.

Es wäre lehrreich, die Nennkraft dieses Wortes zugleich aus der großen Dichtung der Griechen zu verdeutlichen. Hier genüge der Hinweis, daß z. B. für Pindar die φυά die Grundbestimmung des Daseins ausmacht: τό δέ qwij κράτιστον απαν das, was aus und durch φυά ist, ist das Mächtigste ganz und gar (Ol. IX, 100) ; φυά meint jenes, was einer ursprünglich und eigentlich schon ist: das schon Ge-Wesende im Unterschied zum nachher erzwungenen und verzwungenen Gemächte und Getue. Das Sein ist die Grundbestimmung des Edlen und des Adels (d. h. dessen, was eine hohe Wesensherkunft hat und in ihr ruht). Mit Bezug hierauf prägt Pindar das Wort: γένοι' οἷος ἐσσί μαθών (Pyth. II, 72) »möchtest du hervorkommen als der, der du bist, indem du lernst«. Das Insichstehen aber besagt den Griechen nichts anderes als Da-stehen, Im-Licht-stehen. Sein heißt Erscheinen. Dies meint nicht etwas Nachträgliches, was dem Sein zuweilen begegnet. Sein west als Erscheinen.

Damit fällt die allgemein verbreitete Vorstellung von der griechischen Philosophie, wonach diese »realistisch« ein objektives Sein an sich im Unterschied zum neuzeitlichen Subjektivismus