109
§ 39. φύσις, ἀλήθεια und Sein

gelehrt haben soll, als leere Konstruktion in sich zusammen. Diese gängige Vorstellung beruht auf einer Oberflächlichkeit des Verstehens. Wir müssen Titel wie »subjektiv« und »objektiv«, »realistisch« und »idealistisch« beiseitelassen.


§ 39. Oer einzigartige Wesenszusammenhang zwischen
φύσις und ἀλήθεια - die Wahrheit zum Wesen
des Seins gehörig


Aber jetzt gilt es erst, aufgrund der gemäßeren Fassung des griechisch gemeinten Seins den entscheidenden Schritt zu tun, der uns den inneren Zusammenhang zwischen Sein und Schein eröffnet. Es gilt, uns die Einsicht in einen Zusammenhang zu verschaffen, der ursprünglich und einzig griechisch ist, der aber eigentümliche Folgen für den Geist des Abendlandes zeitigte. Sein west als φύσις. Das aufgehende Walten ist Erscheinen. Solches bringt zum Vorschein. Darin liegt schon: Das Sein, Erscheinen, läßt aus der Verborgenheit heraustreten. Indem Seiendes als ein solches ist, stellt es sich in die und steht es in der Unverhorgenheit, ἀλήθεια. Wir übersetzen, und d. h. zugleich, wir mißdeuten dieses Wort gedankenlos mit »Wahrheit«. Zwar beginnt man jetzt allmählich das griechische Wort ἀλήθεια wörtlich zu übersetzen. Allein, dies nützt nicht viel, wenn man unmittelbar hinterher »Wahrheit« wieder in einem ganz anderen ungriechischen Sinne versteht und diesen anderen Sinn dem griechischen Wort unterlegt. Denn das griechische Wesen der Wahrheit ist nur in eins mit dem griechischen Wesen des Seins als φύσις möglich. Aufgrund des einzigartigen Wesenszusammenhangs zwischen φύσις und ἀλήθεια können die Griechen sagen: Das Seiende ist als Seiendes wahr. Das Wahre ist als solches seiend. Das will sagen: Das waltend sich Zeigende steht im Unverborgenen. Das Unverborgene als solches kommt im Sichzeigen zum Stehen. Die Wahrheit ist als Un-verborgenheit nicht eine Zugabe zum Sein.