113
§ 41. Dichterische Prägung des Kampfes 115

Wesen dieser »Subjektivität« etwas höchst Fragliches ist. Die Griechen erfuhren es anders. Sie mußten je und je das Sein erst dem Schein entreißen und es gegen diesen bewahren. [Sein west aus Un-Verborgenheit.]

Einzig im Bestehen des Kampfes zwischen Sein und Schein haben sie dem Seienden das Sein abgerungen, haben sie das Seiende in die Ständigkeit und die Unverborgenheit gebracht: die Götter und den Staat, die Tempel und die Tragödie, den Wettkampf und die Philosophie; doch all das inmitten des Scheins, umlauert von ihm, aber auch ihn ernst nehmend, wissend um seine Macht. Erst in der Sophistik und bei Platon wird der Schein zum bloßen Schein erklärt und dadurch herabgesetzt. In einem damit wird das Sein als ίδέα an einen übersinnlichen Ort hinaufgesetzt. Die Kluft, χωρισμός wird aufgerissen zwischen dem nur scheinbaren Seienden hier unten und dem wirklichen Sein irgendwo droben, jene Kluft, in der dann die Lehre des Christentums unter gleichzeitiger Umdeutung des Unteren zum Geschaffenen und des Oberen zum Schöpfer sich ansiedelt, mit den also umgeschmiedeten Waffen sich gegen die Antike [als das Heidentum] stellt und sie verstellt. Nietzsche sagt daher mit Recht: Christentum ist Platonismus fürs Volk. Dagegen ist die große Zeit des griechischen Daseins eine einzige schöpferische Selbstbehauptung in der Wirrnis des vielverschlungenen Gegenspiels der Mächte: Sein und Schein. (Zum ursprünglichen Wesenszusammenhang zwischen dem Dasein des Menschen, dem Sein als solchem und der Wahrheit im Sinne von Unverborgenheit und Unwahrheit als Verdeckung vgl. Sein und Zeit § 44 u. § 68.)


§ 41. Die dichterische Prägung des Kampfes zwischen
Sein und Schein bei den Griechen


Für das Denken der frühen griechischen Denker waren Einheit und Widerstreit von Sein und Schein ursprünglich mächtig.