114
Beschränkung des Seins

Doch am höchsten und reinsten wurde all das in der griechischen Tragödiendichtung dargestellt. Denken wir an Sophokles' Oedipus Tyrannus. Oedipus, zu Anfang der Retter und Herr des Staates, im Glanz des Ruhmes und der Gnade der Götter, wird aus diesem Schein, der keine bloß subjektive Ansicht des Oedipus von sich selbst ist, sondern das, worin das Erscheinen seines Daseins geschieht, herausgeschleudert, bis die Unverborgenheit seines Seins als des Mörders des Vaters und des Schänders der Mutter geschehen ist. Der Weg von jenem Anfang des Glanzes bis zu diesem Ende des Grauens ist ein einziger Kampf zwischen dem Schein (Verborgenheit und Verstelltheit) und der Unverborgenheit (dem Sein). Um die Stadt lagert das Verborgene des Mörders des vormaligen Königs Laïos. Mit der Leidenschaft dessen, der in der Offenbarkeit des Glanzes steht und Grieche ist, geht Oedipus an die Enthüllung dieses Verborgenen. Schritt für Schritt muß er dabei sich selbst in die Unverborgenheit stellen, die er am Ende nur so erträgt, daß er sich selbst die Augen aussticht, d. h. sich aus allem Licht herausstellt, verhüllende Nacht um sich schlagen läßt und als ein Geblendeter dann schreit, alle Türen aufzureißen, damit dem Volk ein solcher offenbar werde, als der, der er ist.

Wir dürfen aber Oedipus nicht nur als den Menschen sehen, der zu Fall kommt, wir müssen in Oedipus jene Gestalt des griechischen Daseins begreifen, in der sich dessen Grundleidenschaft ins Weiteste und Wildeste vorwagt, die Leidenschaft der Seinsenthüllung, d. h. des Kampfes um das Sein selbst. Hölderlin sagt in dem Gedicht: »In lieblicher Bläue blühet…« das seherische Wort: »Der König Oedipus hat ein Auge zu viel vieleicht«. Dieses Auge zu viel ist die Grundbedingung alles großen Fragens und Wissens und auch sein einziger metaphysischer Grund. Das Wissen und die Wissenschaft der Griechen ist diese Leidenschaft.

Wenn man heute der Wissenschaft empfiehlt, Dienst am Volke zu sein, so ist das eine zwar notwendige und beachtliche Forderung, aber damit ist zu wenig und nicht das Eigentliche


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik