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Beschränkung des Seins

dieses zum Stand bringen, muß es im Schein und gegen den Schein aushalten, muß Schein und Sein zugleich dem Abgrund des Nichtseins entreißen.

Der Mensch muß diese drei Wege unterscheiden und sich entsprechend zu ihnen und gegen sie entscheiden. Das Eröffnen und Bahnen der drei Wege ist das Denken im Anfang der Philosophie. Das Unterscheiden stellt den Menschen als einen Wissenden auf diese Wege und an ihre Wegkreuzung und damit in die ständige Ent-scheidung. Mit ihr beginnt überhaupt Geschichte. In ihr und nur in ihr wird sogar über die Götter entschieden. [Demgemäß bedeutet Ent-scheidung hier nicht Urteil und Wahl des Menschen, sondern eine Scheidung im genannten Zusammen von Sein, Unverborgenheit, Schein und Nichtsein.]

Als das älteste Bahnen der drei Wege ist uns die Philosophie des Parmenides in dem schon genannten Lehrgedicht überliefert. Wir kennzeichnen die drei Wege durch die Anführung einiger Bruchstücke des Lehrgedichtes. Eine vollständige Auslegung ist hier nicht möglich.

Das Fragment 4 lautet in der Übersetzung:

»Wohlan denn so sage ich: nimm aber du in Hut das Wort, das du hörst (darüber),

Welche Wege als die einzigen eines Erfragens in den Blick zu fassen sind.

Der eine: wie es ist, (was es, das Sein, ist) und wie auch unmöglich (ist) das Nichtsein.

Des gegründeten Vertrauens Pfad ist dies, er folgt nämlich der Unverborgenheit.

Der andere aber: wie es nicht ist und auch wie notwendig Nichtsein.

Dieser also, so gebe ich kund, ist ein Fußsteig, zu dem gar nicht zugeredet werden kann,

weder nämlich vermagst du Bekanntschaft zu pflegen mit dem Nichtsein, denn es ist gar nicht beizubringen,

noch kannst du es mit Worten angeben.«


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik