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§ 43. Eröffnen der drei Wege (Parmenides)

Hier sind zunächst zwei Wege scharf gegeneinander abgesetzt:

1. der Weg zum Sein; er ist zugleich der Weg in die Unverborgenheit. Dieser Weg ist unumgänglich.

2. der Weg zum Nichtsein; er kann zwar nicht begangen werden, aber gerade deshalb muß der Weg als ein ungangbarer ins Wissen gehoben sein, und zwar hinsichtlich dessen, daß er ins Nichtsein führt. Das Bruchstück gibt uns zugleich die älteste Urkunde der Philosophie darüber, daß in eins mit dem Weg des Seins der Weg des Nichts eigens bedacht werden muß, daß es mithin eine Verkennung der Frage nach dem Sein ist, wenn man dem Nichts mit der Versicherung den Rücken kehrt, das Nichts sei offenkundig nicht. (Daß jedoch das Nichts nicht etwas Seiendes ist, schließt keineswegs aus, daß es auf seine Weise zum Sein gehört.)

Allein, in der Besinnung auf die genannten zwei Wege liegt die Auseinandersetzung mit einem dritten beschlossen, der dem ersten auf eine eigene Weise zuwiderläuft. Der dritte Weg sieht wie der erste aus, aber er führt nicht zum Sein. Dadurch erweckt er den Anschein, er sei auch nur ein Weg zum Nichtsein im Sinne des Nichts.

Das Fragment 6 hält zunächst die im Fragment 4 gezeigten zwei Wege, den zum Sein und den ins Nichts, hart gegeneinander. Aber zugleich wird gegen den zweiten Weg, den ins Nichts unzugänglichen und deshalb aussichtslosen, ein dritter gezeigt: »Not tut das sammelnde Hinstellen sowohl als das Vernehmen:

Seiend in dessen Sein;

Das Seiend nämlich hat Sein; Nichtsein hat kein ›ist‹; dies freilich heiße ich dich, dir kund zu halten.

Vor allem nämlich von diesem Wege des Erfragens halte dich weg.

Aber dann auch von dem, den offenbar die Menschen, die nichtwissenden,

sich zurechtmachen, die Zwieköpfe; denn das Sicbnichtzurechtfinden