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Beschränkung des Seins

gleich der Einheit von Sein und Schein mit einem Wort Heraklits (Frg. 123): φύσις κρύπτεσθαι φιλεΐ: Sein [aufgehendes Erscheinen] neigt in sich zum Sichverbergen. Weil Sein heißt: aufgehendes Erscheinen, aus der Verborgenheit heraustreten, deshalb gehört zu ihm wesenhaft die Verborgenheit, die Herkunft aus ihr. Solche Herkunft liegt im Wesen des Seins, des Erscheinenden als solchen. In sie bleibt das Sein zurückgeneigt, sei es in der großen Verhüllung und Verschweigung, sei es in der flachsten Verstellung und Verdeckung. Die unmittelbare Nähe von φύσις und κρύπτεσθαι offenbart in einem die Innigkeit von Sein und Schein als ihren Streit.


§ 44. Die innereZugehörigkeit der Scheidungen »Sein und Schein« — »Sein und Werden«


Verstehen wir den formelhaften Titel »Sein und Schein« in der ungeschmälerten Kraft der anfänglich durch die Griechen erkämpften Scheidung, dann wird nicht nur der Unterschied und die Ausgrenzung des Seins gegen den Schein verständlich, sondern zugleich ihre innere Zugehörigkeit zu der Scheidung »Sein und Werden«. Was sich im Werden aufhält, ist einerseits nicht mehr das Nichts, es ist aber auch noch nicht das, was zu sein es bestimmt ist. Gemäß diesem »nicht mehr und noch nicht« bleibt das Werden vom Nichtsein durchsetzt. Gleichwohl ist es kein reines Nichts, sondern nicht mehr dieses und doch noch nicht jenes und als solches ständig ein anderes. Darum sieht es bald so aus, bald so. Es bietet einen in sich unständigen Anblick. Werden ist, so gesehen, ein Schein des Seins.

So muß denn das Werden bei der anfänglichen Erschließung des Seins des Seienden ebenso wie der Schein dem Sein entgegengestellt werden. Andererseits gehört jedoch das Werden als »Aufgehen« zur φύσις. Wenn wir beides griechisch verstehen, Werden als In-die-Anwesenheit-kommen und aus ihr Weg-gehen, Sein als aufgehend-erscheinendes Anwesen, Nichtsein