Wir müssen in der scheinbar gleichgültigen Scheidung Sein und Denken jene Grundstellung des Geistes des Abendlandes erkennen, der unser eigentlicher Angriff gilt. Sie läßt sich nur ursprünglich überwinden, d. h. so, daß ihre anfängliche Wahrheit in ihre eigenen Grenzen gewiesen und damit neu begründet wird.
Wir können vom jetzigen Standort des Ganges unseres Fragens aus noch ein Anderes überschauen. Wir machten früher deutlich, daß das Wort »Sein« entgegen der landläufigen Meinung eine durchaus eingegrenzte Bedeutung hat. Darin liegt: Das Sein selbst wird in einer bestimmten Weise verstanden. Als so Verstandenes ist es uns offenbar. Jedes Verstehen muß aber als eine Grundart der Eröffnung sich in einer bestimmten Blickbahn bewegen. Dieses Ding, z. B. die Uhr, bleibt uns in dem, was es ist, solange verschlossen, als wir nicht zum voraus schon um so etwas wie Zeit, Rechnen mit der Zeit, Zeitmessung wissen. Die Blickbahn des Anblicks muß im voraus schon gebahnt sein. Wir nennen sie die Vor-blickbahn, die »Perspektive«. So wird sich zeigen: Das Sein ist nicht nur nicht in unbestimmter Weise verstanden, sondern das bestimmte Verstehen des Seins bewegt sich selbst in einer schon bestimmten Vorblickbahn.
Der Hin- und Hergang, das Gleiten und Ausgleiten auf dieser Bahn ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, daß wir sie weder überhaupt kennen, noch auch nur die Frage nach ihr beachten und verstehen. Die Versunkenheit [um nicht zu sagen Verlorenheit] in den Vor- und Durchblick, der all unser Verstehen von Sein trägt und leitet, ist um so mächtiger und zugleich verborgener, als auch die Griechen diese Vorblickbahn als solche nicht mehr ans Licht stellten und aus Wesensgründen (nicht aus einem Versagen) heraus nicht stellen konnten. Aber an der Ausbildung und Verfestigung dieser Vorblickbahn, in der sich schon das griechische Seinsverständnis bewegt, ist die Entfaltung der Scheidung von Sein und Denken wesentlich beteiligt. Trotzdem haben wir diese Scheidung nicht an die erste, son-