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§ 49. Der λόγος bei Heraklit

die ständig in sich waltende ursprünglich sammelnde Gesammeltheit.

Zwar scheint der Zusammenhang in Frg. 1 eine Auslegung von λόγος im Sinne von Wort und Rede nahezulegen und sogar als einzig mögliche zu fordern; denn vom »Hören« der Menschen ist die Rede. Es gibt ein Fragment, worin dieser Zusammenhang zwischen Logos und »Hören« unmittelbar ausgesprochen ist:

»Habt ihr nicht mich, sondern den λόγος gehört, dann ist es weise, demgemäß zu sagen: Eines ist alles« (Frg. 50).

Hier wird doch der λόγος als »Hörbares« gefaßt. Was soll dieser Name dann anderes bedeuten als Verlautbarung, Rede und Wort; zumal zur Zeit des Heraklit λέγειν in der Bedeutung von sagen und reden schon gebräuchlich ist?

So sagt Heraklit selbst (Frg. 75) :

»nicht soll man wie im Schlaf tun und reden. «

Hier kann λέγειν im Gegensatz zu ποιεϊν offensichtlich nichts anderes bedeuten als reden, sprechen. Gleichwohl gilt: λόγος bedeutet an jenen entscheidenden Stellen (Frg. 1 und 2) nicht Rede und nicht Wort. Das Frg. 50, das besonders für λόγος als Rede zu sprechen scheint, gibt uns, recht ausgelegt, einen Fingerzeig zum Verständnis des λόγος nach einer ganz anderen Hinsicht.

Um klar zu sehen und zu verstehen, was λόγος im Sinne von »ständiger Sammlung« bedeutet, müssen wir den Zusammenhang der zuerst angeführten Fragmente schärfer fassen.

Dem Logos stehen die Menschen gegenüber, und zwar als die, die den Logos nicht be-greifen (ἀξύνετοι). Heraklit gebraucht dieses Wort öfters (vgl. vor allem Frg. 34). Es ist die Verneinung von συνίημι, das »zueinander bringen« bedeutet; ἀξύνετοι: die Menschen sind solche, die nicht zueinander bringen … was denn? den λόγος, das, wasständig zusammen ist, die Gesammeltheit. Die Menschen bleiben die, die es nicht zusammenbringen, nicht be-greifen, nicht in Eins fassen, sie mögen noch nicht gehört oder schon gehört haben. Der nächste


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik