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§ 50. Einheit und Scheidung von φύσις und λόγος

Hier ist nun der Ort, um kurz auf die Frage zurückzukommen, wie es mit dem christlichen Logosbegriff, insbesonders dem des Neuen Testamentes steht. Für eine genauere Darstellung müßten wir hier wieder unterscheiden zwischen den Synoptikern und dem Johannesevangelium. Grundsätzlich aber ist zu sagen: Logos meint im Neuen Testament von vornherein nicht wie bei Heraklit das Sein des Seienden, die Gesammeltheit des Gegenstrebigen, sondern Logos meint ein besonderes Seiendes, nämlich den Sohn Gottes. Diesen wiederum in der Rolle des Mittlers zwischen Gott und den Menschen. Diese neutestamentliche Vorstellung vom Logos ist diejenige der jüdischen Religionsphilosophie, die Philo ausgebildet hat, in dessen Schöpfungslehre dem Logos die Bestimmung des μεσίτης zukommt, des Mittlers. Inwiefern ist er λόγος? Weil λόγος in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (Septuaginta) der Name für das Wort ist, und zwar »Wort« in der bestimmten Bedeutung des Befehls, des Gebotes ; οί δέκα λόγοι heißen die zehn Gebote Gottes (Dekalog). So bedeutet λόγος: der κῆρυξ, ἄγγελος, Künder, Bote, der Gebote und Befehle vermittelt; λόγος τοῦ σταυροῦ ist das Wort vom Kreuze. Die Verkündigung vom Kreuz ist Christus selbst; er ist der Logos der Erlösung, des ewigen Lebens, λόγος ζωῆς. Eine Welt trennt all dieses von Heraklit.


§ 50. Die innere Notwendigkeit und Möglichkeit der
Scheidung von φύσις und λόγος aus ihrer ursprünglichen
Einheit. Der λόγος bei Parmenides und der »Ursatz«


Wir versuchten, die wesensmäßige Zugehörigkeit des λόγος zur φύσις herauszustellen, und zwar in der Absicht, aus dieser Einheit die innere Notwendigkeit und Möglichkeit der Scheidung zu begreifen.

Doch fast möchte man jetzt gegenüber der Kennzeichnung des Heraklitischen Logos einwenden: Die Wesenszugehörigkeit