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Beschränkung des Seins

des Logos zum Sein selbst ist hier so innig, daß nun wieder völlig fraglich bleibt, wie aus dieser Einheit und Selbigkeit von φύσις und λόγος jene Gegenstellung des Logos als Denken zum Sein entspringen soll. Gewiß, das ist eine Frage, die Frage, die wir uns ganz und gar nicht zu leicht machen wollen, obwohl die Versuchung dazu sehr nahe liegt. Wir dürfen aber jetzt nur sagen: Wenn diese Einheit von φύσις und λόγος so ursprünglich ist, muß auch die Scheidung entsprechend ursprünglich sein. Wenn diese Scheidung von Sein und Denken außerdem andersartig und anders gerichtet ist als die vorigen, dann muß auch das Auseinandertreten hier einen anderen Charakter haben. Deshalb müssen wir versuchen, entsprechend wie wir die Auslegung des λόγος von allen späteren Umfälschungen fernzuhalten und aus dem Wesen der φύσις zu begreifen uns bestrebten, so auch dieses Geschehnis des Auseinandertretens von φύσις und λόγος rein griechisch, d. h. wiederum aus φύσις und λόγος zu verstehen. Denn angesichts der Frage nach dem Auseinandertreten und dem Gegensatz von φύσις und λόγος, Sein 104 und Denken, unterliegen wir fast noch unmittelbarer und hartnäckiger der Gefahr neuzeitlicher Mißdeutung als bei der Auslegung der Einheit von φύσις und λόγος. Inwiefern?

Bei der Bestimmung des Gegeneinanderstehens von Sein und Denken bewegen wir uns in einem geläufigen Schema. Das Sein ist das Objektive, das Objekt. Das Denken ist das Subjektive, das Subjekt. Das Verhältnis des Denkens zum Sein ist das des Subjekts zum Objekt. Die Griechen dachten, meint man, da sie noch nicht genügend erkenntnistheoretisch geschult waren, im Anfang der Philosophie dieses Verhältnis noch reichlich primitiv. So findet man denn im Gegeneinanderstehen von Sein und Denken nichts, was eine Besinnung verlangt. Dennoch müssen wir fragen.

Welches ist der wesensgesetzliche Vorgang des Auseinandertretens von φύσις und λόγος? Um diesen Vorgang sichtbar zu machen, müssen wir die Einheit und Zusammengehörigkeit von λόγος und φύσις noch schärfer als bisher begreifen. Wir


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik