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Beschränkung des Seins

Realismus vertreten und gilt als der Vorläufer des Mittelalters.

Diese landläufige Auffassung muß hier eigens genannt werden; nicht nur weil sie in allen geschichtlichen Darstellungen der griechischen Philosophie ihr Unwesen treibt, nicht nur weil die neuzeitliche Philosophie selbst sich ihre Vorgeschichte in diesem Sinne ausgelegt hat, sondern vor allem deshalb, weil es aufgrund der Vorherrschaft der angeführten Meinungen in der Tat für uns schwer geworden ist, die eigentliche Wahrheit jenes urgriechischen Satzes des Parmenides zu verstehen. Erst wenn dieses gelingt, können wir ermessen, welche Wandlung sich, nicht erst seit der Neuzeit, sondern seit der Spätzeit der Antike und seit dem Aufkommen des Christentums, in der geistigen und d. h. eigentlichen Geschichte des Abendlandes vollzogen hat.

τὸ γάρ αὐτὸ νοεῖν ἔστίν τε καὶ εἶναι. Ein Dreifaches gilt es für das Verstehen dieses Satzes zu wissen:

1. was heißt τὸ αὐτό und τε … καί?

2. was heißt νοεῖν?

3. was heißt εἶναι?

Über das an dritter Stelle Gefragte scheinen wir durch das, was im Voraufgegangenen von der φύσις gesagt wurde, hinreichend unterrichtet zu sein. Das an zweiter Stelle genannte νοεῖν aber ist dunkel, dann nämlich, wenn wir das Verbum nicht schnurstracks durch »denken« übersetzen und es im Sinne der Logik als das zergliedernde Aussagen bestimmen. Νοεΐν heißt vernehmen, νοῦς die Vernehmung, und zwar in einem gedoppelten, in sich zusammengehörigen Sinne. Vernehmen meint einmal: hin-nehmen, auf einen zukommen lassen, nämlich das, was sich zeigt, erscheint. Vernehmen meint sodann: einen Zeugen vernehmen, ihn vornehmen und dabei den Tatbestand aufnehmen, fest-stellen, wie es mit der Sache bestellt ist und wie es mit ihr steht. Die Vernehmung in diesem Doppelsinn besagt: das auf einen Zukommenlassen, wobei nicht einfach hingenommen, sondern dem Sichzeigenden gegenüber eine Aufnahmestellung bezogen wird. Wenn Truppen eine Aufnahmestellung


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik