147
§ 50. Einheit und Scheidung von φύσις und λόγος

beziehen, dann wollen sie den auf sie zukommenden Gegner empfangen, und zwar so empfangen, daß sie ihn wenigstens zum Stehen bringen. Dieses aufnehmende Zum-stehen-bringen des Erscheinenden liegt im νοεῖν. Vom Vernehmen sagt der Satz des Parmenides, es sei dasselbe wie das Sein. [106] Damit kommen wir zur Klärung dessen, was an erster Stelle gefragt wird: Was heißt τὸ αὐτό, das Selbe?

Was mit anderem dasselbe ist, gilt uns als einerlei, als ein und dasselbe. In welchem Sinne von Einheit ist das Eine des Selben gemeint? Das zu bestimmen, steht nicht in unserem Belieben. Vielmehr muß doch hier, wo es sich um das Sagen von »Sein« handelt, die Einheit in dem Sinne verstanden werden, den Parmenides im Wort "Ev denkt. Wir wissen: Einheit ist hier nie leere Einerleiheit, nicht Selbigkeit als bloße Gleich-gültigkeit. Einheit ist Zusammengehörigkeit des Gegenstrebigen. Dies ist das ursprünglich Einige.

Warum sagt Parmenides τε καί? Weil Sein und Denken im gegenstrebigen Sinne einig, d. h. dasselbe sind als zusammengehörig. Wie sollen wir dies verstehen? Gehen wir vom Sein aus, das uns als φύσις nach mehreren Hinsichten deutlicher geworden ist. Sein besagt: im Licht stehen, erscheinen, in die Unverborgenheit treten. Wo solches geschieht, d. h. wo Sein waltet, da waltet mit und geschieht mit als ihm zugehörig: Vernehmung, aufnehmendes Zum-stehen-bringen des sich zeigenden in sich Ständigen.

Noch schärfer sagt Parmenides denselben Satz in Frg. 8 v. 34: ταύτόν δ'ἔστι νοεῖν τε καὶ οὕνεκεν ἔστι νόημα: Dasselbe ist Vernehmung und das, worumwillen Vernehmung geschieht. Vernehmung geschieht umwillen des Seins. Dieses west nur als Erscheinen, in die Unverborgenheit treten, wenn Unverborgenheit geschieht, wenn ein Sicheröffnen geschieht. Der Satz des Parmenides gibt uns in diesen beiden Fassungen eine noch ursprünglichere Einsicht in das Wesen der φύαις. Zu ihr gehört Vernehmung, ihr Walten ist Mitwalten von Vernehmung.


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik