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§ 52. Erstes Chorlied, aus der » Antigone«

erst miteröffnet. Doch auch diese allgemeine Anweisung genügt noch nicht, um uns von den geläufigen Vorstellungen vom Menschen und der Art und Weise seiner begrifflichen Bestimmung freizumachen. Wir müssen für das Verstehen des Spruches etwas Positives vom griechischen Dasein und Sein wenigstens ahnen, um seine Wahrheit zu begreifen.


§ 52. Das denkerische Dichten als Wesenseröffnung des
Menschseins. Auslegung des ersten Chorliedes aus
der »Antigone « des Sophokles in drei Gängen


Aus dem mehrfach angeführten Spruch des Heraklit wissen wir, daß nur im πόλεμος, in der Aus-einander-Setzung (des Seins) das Auseinandertreten von Göttern und Menschen geschieht. Nur solcher Kampf ἔδειξε, zeigt. Er läßt Götter und Menschen in ihrem Sein heraustreten. Wer der Mensch sei, das bekommen wir nicht durch eine gelehrte Definition zu wissen, sondern nur so, daß der Mensch in die Auseinandersetzung mit dem Seienden tritt, indem er es in sein Sein zu bringen versucht, d. h. in Grenze und Gestalt stellt, d. h. ein Neues (noch nicht Anwesendes) entwirft, d. h. ursprünglich dichtet, dichterisch gründet.

Das Denken des Parmenides und des Heraklit ist noch dichterisch, d. h. hier: philosophisch und nicht wissenschaftlich. Aber weil in diesem dichtenden Denken das Denken den Vorrang hat, nimmt auch das Denken über das Sein des Menschen seine eigene Richtung und Maße. Um dieses dichterische Denken von seiner ihm zugehörigen Gegenseite her genügend aufzuhellen und so sein Verständnis vorzubereiten, befragen wir jetzt ein denkerisches Dichten der Griechen, und zwar jenes Dichten, in dem das Sein und [das zugehörige] Dasein der Griechen sich eigentlich stiftete: die Tragödie.

Wir wollen die Scheidung »Sein und Denken« in ihrem Ursprung verstehen. Sie ist der Titel für die Grundhaltung des