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Beschränkung des Seins

Ordnung und sperrt es in seine Gehege und Pferche ein und zwingt es unter die Joche. Dort: Ausbruch und Umbruch, hier: Einfang und Niederzwang. —

An dieser Stelle, vor dem Übergang zur zweiten Strophe und ihrer Gegenstrophe, ist es nötig, eine Anmerkung einzuschieben, die eine für den neuzeitlichen Menschen naheliegende und auch geläufige Mißdeutung dieser ganzen Dichtung abwehrt. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß es sich nicht um eine Beschreibung und Abschilderung der Bereiche und des Gehabens des Menschen handelt, der unter anderem Seienden auch vorkommt, sondern um den dichterischen Entwurf seines Seins aus den äußersten Möglichkeiten und Grenzen. Damit ist nun auch schon die andere Meinung abgewehrt, der Gesang erzähle die Entwicklung des Menschen vom wilden Jägersmann und Einbaumfahrer zum Städtebauer und Kulturmenschen. Das sind Vorstellungen der Volkskunde und der Seelenkunde der Primitiven. Sie entspringen der falschen Übertragung einer in sich schon unwahren Naturwissenschaft auf das Sein des Menschen. Der Grundirrtum, der solchen Denkweisen zugrundeliegt, besteht in der Meinung, der Anfang der Geschichte sei das Primitive und noch Zurückgebliebene, Unbeholfene und Schwache. In Wahrheit ist es umgekehrt. Der Anfang ist das Unheimlichste und Gewaltigste. Was nachkommt, ist nicht Entwicklung, sondern Verflachung als bloße Verbreiterung, ist Nichtinnehaltenkönnen des Anfangs, ist Verharmlosung und Übertreibung des Anfangs zur Mißgestalt des Großen im Sinne der rein zahlen- und mengenhaften Größe und Ausdehnung. Das Unheimlichste ist, was es ist, weil es einen solchen Anfang birgt, in dem alles zumal aus einem Übermaß in das Überwältigende, Zubewältigende ausbricht.

Die Unerklärbarkeit dieses Anfangs ist kein Mangel und kein Versagen unserer Erkenntnis der Geschichte. Im Verstehen des Geheimnischarakters dieses Anfangs liegt vielmehr die Echtheit und Größe geschichtlichen Erkennens. Wissen von einer Ur-geschichte ist nicht Aufstöbern des Primitiven und