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§ 52. Erstes Chorlied, aus der » Antigone«

Sammeln von Knochen. Es ist weder halbe noch ganze Naturwissenschaft, sondern, wenn es überhaupt etwas ist, Mythologie. -

Die erste Strophe und Gegenstrophe nennen das Meer, die Erde, das Tier als das Überwältigende, das in all seiner Übergewalt der Gewalt-tätige in die Offenbarkeit einbrechen läßt. Die zweite Strophe geht, äußerlich genommen, von einer Schilderung des Meeres, der Erde, der Tiere zur Kennzeichnung des Menschen über. Aber so wenig in der ersten Strophe und Gegenstrophe nur von der Natur im engeren Sinn gesagt wird, so wenig in der zweiten Strophe nur vom Menschen.

Vielmehr gehört das jetzt zu Nennende, die Sprache, das Verstehen, die Stimmung, die Leidenschaft und das Bauen nicht minder zum überwältigenden Gewaltigen wie Meer und Erde und Tier. Der Unterschied ist nur der, daß dieses den Menschen umwaltet und trägt, bedrängt und befeuert, während Jenes ihn durchwaltet als solches, was er als das Seiende, das er selbst ist, eigens zu übernehmen hat.

Dieses Durchwaltende verliert dadurch nichts von seinem 120 Überwältigenden, daß der Mensch es selbst unmittelbar in seine Gewalt nimmt und diese als solche braucht. Dadurch verbirgt sich nur das Unheimliche der Sprache, der Leidenschaften als jenes, worein der Mensch als geschichtlicher gefügt ist, während es ihm so vorkommt als sei er es, der darüber verfügt. Die Unheimlichkeit dieser Mächte liegt in ihrer scheinbaren Vertrautheit und Geläufigkeit. Sie ergeben sich dem Menschen unmittelbar nur in ihrem Unwesen und treiben und halten ihn so aus seinem Wesen heraus. Auf diese Weise wird ihm zu einem scheinbar Allernächsten, was im Grunde noch ferner und überwältigender ist als Meer und Erde.

Wie weit der Mensch in seinem eigenen Wesen uneinheimisch ist, verrät die Meinung, die er von sich hegt als demjenigen, der Sprache und Verstehen, Bauen und Dichten erfunden habe und erfunden haben könnte.

Wie soll der Mensch das ihn Durchwaltende, auf Grund dessen