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§ 52. Erstes Chorlied, aus der » Antigone«

und Offenhalten ist das Wissen. Die Leidenschaft des Wissens ist das Fragen. Kunst ist Wissen und deshalb τέχνη. Die Kunst ist nicht deshalb τέχνη, weil zu ihrem Vollbringen »technische« Fertigkeiten, Werkzeuge und Werkstoffe gehören.

So kennzeichnet denn die τέχνη das δεινόν, das Gewalttätige, in seinem entscheidenden Grundzug; denn die Gewalt-tätigkeit ist das Gewalt-brauchen gegen das Über-wältigende: das wissende Erkämpfen des vordem verschlossenen Seins in das Erscheinende als das Seiende.

2. Wie das δεινόν als Gewalt-tätigkeit sein Wesen in das griechische Grundwort τέχνη versammelt, so kommt das δεινόν als das Überwältigende im griechischen Grundwort δίκη zum Vorschein. Wir übersetzen es mit Fug. Wir verstehen hier Fug zu- 123 erst im Sinne von Fuge und Gefüge; sodann Fug als Fügung, als die Weisung, die das Überwältigende seinem Walten gibt; schließlich Fug als das fügende Gefüge, das Einfügung und Sichfügen erzwingt.

Wenn man δίκη durch »Gerechtigkeit« übersetzt und diese juristisch-moralisch versteht, dann verliert das Wort seinen metaphysischen Grundgehalt. Das gleiche gilt von der Deutung der δίκη als Norm. Das Überwältigende ist in all seinen Bereichen und Mächten hinsichtlich seiner Mächtigkeit der Fug. Das Sein, die φύσις, ist als Walten ursprüngliche Gesammeltheit: λόγος, ist fügender Fug: δίκη.

So stehen das δεινόν als das Überwältigende (δίκη) und das δεινόν als das Gewalt-tätige (τέχνη) einander gegenüber, allerdings nicht wie zwei vorhandene Dinge. Dieses Gegenüber besteht vielmehr darin, daß die τέχνη aufbricht gegen die δίκη, die ihrerseits als Fug über alle τέχνη verfügt. Das wechselweise Gegenüber ist. Es ist nur, insofern das Unheimlichste, das Menschsein, geschieht, indem der Mensch als Geschichte west. 3. Der Grundzug des δεινότατον liegt in dem Wechselbezug des doppelsinnigen δεινόν. Der Wissende fährt mitten hinein in den Fug, reißt [im »Riß«] das Sein in das Seiende und vermag doch nie das Überwältigende zu bewältigen. Daher wird er