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Beschränkung des Seins

des Menschseins. Da-sein des geschichtlichen Menschen heißt: Gesetzt-sein als die Bresche, in die die Übergewalt des Seins erscheinend hereinbricht, damit diese Bresche selbst am Sein zerbricht. [125]

Das Unheimlichste (der Mensch) ist, was es ist, weil es von Grund aus das Einheimische nur betreibt und behütet, um aus ihm auszubrechen und das hereinbrechen zu lassen, was es überwältigt. Das Sein selbst wirft den Menschen in die Bahn dieses Fortrisses, der ihn über ihn selbst hinweg als den Ausrückenden an das Sein zwingt, um dieses ins Werk zu setzen und damit das Seiende im Ganzen offenzuhalten. Deshalb kennt der Gewalt-tätige nicht Güte und Begütigung (im gewöhnlichen Sinne), keine Beschwichtigung und Beruhigung durch Erfolge oder Geltung und durch die Bestätigung einer solchen. In all dem sieht der Gewalt-tätige als der Schaffende nur den Schein von Vollendung, den er mißachtet. Im Wollen des Unerhörten wirft er alle Hilfe weg. Der Untergang ist ihm das tiefste und weiteste Ja zum Überwältigenden. Im Zerbrechen des gewirkten Werkes, in jenem Wissen, daß es ein Unfug ist und jenes σάρμα (Misthaufen), überläßt er das Überwältigende seinem Fug. Doch all dieses nicht in der Form »seelischer Erlebnisse«, in denen sich die Seele des Schaffenden herumwälzt, vollends nicht in der Form kleiner Minderwertigkeitsgefühle, sondern einzig in der Weise des Ins-Werk-setzens selbst. Als Geschichte bestätigt sich werkhaft das Überwältigende, das Sein.

Als die Bresche für die Eröffnung des ins Werk gesetzten Seins im Seienden ist das Dasein des geschichtlichen Menschen ein Zwischen-fall, der Zwischenfall, in dem plötzlich die Gewalten der losgebundenen Übergewalt des Seins aufgehen und ins Werk als Geschichte eingehen. Von dieser Plötzlichkeit und Einzigkeit des Daseins hatten die Griechen ein tiefes Ahnen, in das sie durch das Sein selbst genötigt waren, das sich ihnen als φύσις und λόγος und δίκη aufschloß. Undenkbar bleibt es, daß die Griechen sich vorredeten, sie wollten für die nächsten Jahr-


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik