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§ 52. Erstes Chorlied, aus der » Antigone« 182

tausende des Abendlandes die Kultur machen. Weil sie in der einzigen Not ihres Daseins einzig nur Gewalt brauchten und so die Not nicht beseitigten, sondern nur steigerten, erzwangen sie sich selbst die Grundbedingung wahrer geschichtlicher Größe.

Das so erfahrene und dichterisch in seinen Grund zurückgestellte Wesen des Menschseins bleibt in seinem Geheimnischarakter dem Verstehen verschlossen, wenn es voreilig zu irgendwelchen Abschätzungen seine Zuflucht nimmt.

Die Bewertung des Menschseins als Übermut und Vermessenheit im abschätzigen Sinne nimmt den Menschen aus der Not seines Wesens heraus, der Zwischen-fall zu sein. Solche Abschätzung setzt den Menschen als etwas Vorhandenes an, versetzt dieses in einen leeren Raum und schätzt es nach irgendwelchen, außen aufgestellten Werttafeln ab. In dieselbe Art des Mißverstehens gehört aber auch die Meinung, das Sagen des Dichters sei eigentlich eine unausgesprochene Ablehnung dieses Menschseins, sei die versteckte Anempfehlung einer gewaltlosen Bescheidung im Sinne der Pflege des ungestört Behäbigen. Diese Meinung könnte sich sogar durch den Schluß des Gesanges in ihrem Recht bestätigt finden.

Ein so Seiender [nämlich im Sinne des Unheimlichsten] soll von Herd und Rat ausgeschlossen sein. Das Schlußwort des Chores widerspricht jedoch dem nicht, was dieser zuvor über das Menschsein sagt. Insofern der Chor sich gegen das Unheimlichste wendet, sagt er, daß diese Art zu sein nicht die alltägliche ist. Solches Dasein kann nicht aus der Gewöhnlichkeit beliebigen Treibens und Gehabens abgelesen werden. Verwunderlich ist dieses Schlußwort so wenig, daß wir uns wundern müßten, wenn es fehlte. Es ist in seiner abwehrenden Haltung die unmittelbare und volle Bestätigung der Unheimlichkeit des Menschenwesens. Mit dem Schlußwort schwingt das Sagen des Gesanges in seinen Anfang zurück.