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Beschränkung des Seins

§ 53. Die erneute Auslegung des Spruches des Parmenides
im Lichte von Sophokles' Chorlied: die Zusammengehörigkeit
von νοεῖν und εἶναι als der Wechselbezug von τέχνη und
δίκη. Die Unverborgenheit als Unheimlichkeit.
Die Vernehmung als Entscheidung. Der λόγος als Not und als
Grund der Sprache


Doch was hat dies alles mit dem Spruch des Parmenides zu tun? Dieser spricht nirgends von der Unheimlichkeit. Fast allzu nüchtern sagt er nur die Zusammengehörigkeit von Vernehmung und Sein. Mit der Frage, was die Zusammengehörigkeit bedeute, sind wir in die Auslegung des Sophokles abgebogen. Was hilft sie uns? Wir können sie doch nicht einfach in die Auslegung des Parmenides hineintragen. Gewiß nicht. Aber wir müssen an den ursprünglichen Wesenszusammenhang des dichterischen und denkerischen Sagens erinnern; zumal dann, wenn es sich wie hier um das anfängliche dichtend-denkende Gründen und Stiften des geschichtlichen Daseins eines Volkes handelt. Doch über diesen allgemeinen Wesensbezug hinaus stoßen wir sogleich auf einen bestimmten, inhaltlich gemeinsamen Zug dieses Dichtens und Denkens.

Mit Absicht wurde beim zweiten Gang in der zusammenfassenden Kennzeichnung der Schlußstrophe der Wechselbezug von δίκη und τέχνη herausgehoben. Δίκη ist der überwältigende Fug. Τέχνη ist die Gewalt-tätigkeit des Wissens. Der Wechselbezug beider ist das Geschehnis der Unheimlichkeit.

Wir behaupten jetzt: Die Zusammengehörigkeit von νοεῖν (Vernehmung) und εἶναι (Sein), die der Spruch des Parmenides sagt, ist nichts anderes als dieser Wechselbezug. Wenn sich das zeigt, dann ist die frühere Behauptung erwiesen, daß dieser Spruch das Wesen des Menschseins allererst umgrenzt und nicht in irgendeiner Hinsicht zufällig auf den Menschen zu sprechen kommt. [127]

Zum Beweis unserer Behauptung führen wir zunächst zwei