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§ 53. Sophokles' Chorlied und Parmenides' Spruch

Ständigkeit. Das Nennen versieht nicht nachträglich ein sonst schon offenbares Seiendes mit einer Bezeichnung und einem Merkzeichen, genannt Wort, sondern umgekehrt: Das Wort sinkt aus der Höhe seiner ursprünglichen Gewalt-tat als Eröffnung des Seins zum bloßen Zeichen herab, so zwar, daß dieses selbst sich dann vor das Seiende schiebt. Im ursprünglichen Sagen wird das Sein des Seienden im Gefüge seiner Gesammeltheit eröffnet. Diese Eröffnung wird gesammelt in dem zweiten Sinne, wonach das Wort das ursprünglich Gesammelte bewahrt und so das Waltende, die φύσις, verwaltet. Der Mensch ist als der im Logos, in der Sammlung, Stehende und Tätige: der Sammler. Er übernimmt und vollbringt die Verwaltung des Waltens des Überwältigenden.

Wir wissen aber: Diese Gewalttätigkeit ist das Unheimlichste. Um der τόλμα, des Wagens willen kommt der Mensch notwendig zum Schlimmen wie zum Wackeren und Edlen. Wo Sprache als gewaltbrauchende Sammlung, als Bändigung des Überwältigenden und als Bewahrung spricht, da und nur da ist notwendig auch Ungebundenheit und Verlust. Deshalb ist die Sprache als Geschehen sogleich immer auch Gerede, statt Eröffnung des Seins dessen Verdeckung, statt Sammlung auf das Gefüge und den Fug die Zerstreuung in den Unfug. Der Logos macht sich als Sprache nicht von selbst. Das λέγειν ist not: χρὴ τὸ λέγειν, Not ist das sammelnde Vernehmen des Seins des Seiend. [Woher nötigt die Not?]

Zu 3. Weil das Wesen der Sprache in der Sammlung der Gesammeltheit des Seins gefunden wird, deshalb kommt die Sprache als alltägliche Rede nur dann zu ihrer Wahrheit, wenn das Sagen und Hören auf den Logos als die Gesammeltheit im Sinne des Seins bezogen ist. Denn im Sein und seinem Gefüge ist das Seiende ursprünglich und maßgebend gleichsam schon im voraus ein λεγόμενον, gesammelt, gesagt, vor- und hervorgesprochen. Jetzt begreifen wir erst den vollen Zusammenhang, in dem jener Spruch des Parmenides steht, wonach die Vernehmung umwillen des Seins geschieht.