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§ 54. Die anfängliche Auslegung des Wesens des Menschen

von Grund aus in Frage stellt, weil es doch, sein könnte und in der Tat so ist, daß diese Blickbahn gar nicht zu dem hinweist, was es zu sehen gilt?

Allerdings — das Aufgeben des Geläufigen und das Zurückgehen in die fragende Auslegung ist ein Sprung. Springen kann nur, wer den rechten Anlauf nimmt. An diesem Anlauf entscheidet sich alles; denn er bedeutet, daß wir selbst die Fragen wieder wirklich fragen und in diesen Fragen die Blickbahnen erst schaffen. Doch dieses geschieht nicht in schweifender Beliebigkeit und ebensowenig im Anhalt an ein zur Norm erklärtes System, sondern in und aus geschichtlicher Notwendigkeit, aus der Not des geschichtlichen Daseins.

Λέγειν und νοεῖν, Sammlung und Vernehmung, sind eine [135] Not und eine Gewalt-tat gegen das Überwältigende, dabei aber immer auch nur für dieses. So werden die Gewalttätigen vor diesem Gewalt-brauchen immer wieder zurückschrecken müssen und doch nicht zurückweichen können. In solchem Zurückschrecken und doch Bewältigenwollen muß für Augenblicke die Möglichkeit aufblitzen, daß die Bewältigung des Überwältigenden dann am sichersten und völlig erstritten wird, wenn dem Sein, dem aufgehenden Walten, das in sich als λόγος, als die Gesammeltheit des Widerwendigen west, schlechthin die Verborgenheit gewahrt und so in gewisser Weise jede Möglichkeit des Erscheinens versagt wird. Zur Gewalttätigkeit des Unheimlichsten gehört diese Vermessenheit [die in Wahrheit höchste Anerkennung ist] : in der Versagung jeglicher Offenheit gegenüber dem erscheinenden Walten dieses zu überwältigen, ihm dadurch gewachsen zu sein, daß seiner Allgewalt die Stätte des Erscheinens verschlossen bleibt.

Versagung solcher Offenheit gegenüber dem Sein heißt aber für das Dasein nichts anderes als: Aufgeben seines Wesens. Dies verlangt: aus dem Sein heraustreten oder aber nie in das Dasein eintreten. Solches ist wiederum bei Sophokles in einem Chorlied der Tragödie »Oedipus auf Colonos« 1224 f. ausgesprochen: μὴ φῦναι τὸν ἄπαντα νι/κᾷ λόγον: »niemals ins Dasein