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Beschränkung des Seins

getreten zu sein, obsiegt über die Gesammeltheit des Seienden im Ganzen. «

Niemals das Da-sein übernommen zu haben, μὴ φῦναι, ist vom Menschen gesagt, von ihm als dem, der mit der φύσις wesenhaft versammelt ist als ihr Sammler. Hier ist φύσις, φῦναι vom Sein des Menschen gebraucht, λόγος aber im Sinne Heraklits als der waltende Fug des Seienden im Ganzen. Dieses dichterische Wort spricht den innigsten Bezug des Daseins zum Sein und seiner Eröffnung aus, indem es die weiteste Ferne zum Sein, das Nichtdasein, nennt. Hier zeigt sich die unheimlichste Möglichkeit des Daseins: in der höchsten Gewalt-tat gegen sich selbst, die Übergewalt des Seins zu brechen. Das Dasein hat diese Möglichkeit nicht als leeren Ausweg, sondern es ist diese Möglichkeit, sofern es ist; denn als Dasein muß es in aller Gewalt-tat am Sein doch zerbrechen.

Das sieht wie Pessimismus aus. Aber es wäre verkehrt, das griechische Dasein mit diesem Titel zu versehen. Nicht etwa deshalb, weil die Griechen im Grunde doch Optimisten waren, sondern weil diese Schätzungen das griechische Dasein überhaupt nicht treffen. Die Griechen waren freilich pessimistischer, als das je ein Pessimist sein kann. Sie waren aber auch optimistischer als je ein Optimist. Ihr geschichtliches Dasein steht noch diesseits von Pessimismus und Optimismus.

Beide Schätzungen betrachten das Dasein auf gleiche Weise im vorhinein als ein Geschäft, entweder als ein schlechtes oder als ein gutgehendes. Dieses Weltanschauen kommt in Schopenhauers bekanntem Satz zum Ausdruck: »Das Leben ist ein Geschäft, das seine Kosten nicht deckt. « Der Satz ist nicht deshalb unwahr, weil »das Leben« am Ende doch die Kosten deckt, sondern weil das Leben (als Da-sein) überhaupt kein Geschäft ist. Zwar ist es seit Jahrhunderten dazu geworden. Deshalb bleibt das griechische Dasein uns auch so befremdlich.

Nicht-dasein ist der höchste Sieg über das Sein. Dasein ist die ständige Not der Niederlage und des Wiederaufspringens der Gewalt-tat gegen das Sein, und zwar so, daß die Allgewalt des


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik