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Beschränkung des Seins

des Denkens [als ratio der Logik] über das Sein des Seienden vollzog. Eine solche Darstellung bleibt, abgesehen von ihren inneren Schwierigkeiten, ohne jede geschichtliche Wirkungskraft, solange wir selbst nicht die Kräfte eigenen Fragens aus unserer und für unsere Geschichte in ihrer jetzigen Weltstunde erweckt haben.

Wohl ist es dagegen notwendig, noch zu zeigen, wie es auf dem Grunde des anfänglichen Auseinandertretens von λόγος und φύσις zu jenem Heraustreten des Logos kommt, das dann zum Ausgang für die Aufrichtung der Herrschaft der Vernunft wird.

Dieses Heraustreten des Logos und die Vor-bereitung desselben zum Gerichtshof über das Sein geschieht noch innerhalb der griechischen Philosophie. Es bestimmt sogar das Ende derselben. Wir bewältigen die griechische Philosophie als den Anfang der abendländischen Philosophie erst dann, wenn wir diesen Anfang zugleich in seinem anfänglichen Ende begreifen; denn erst dieses und nur dieses wurde für die Folgezeit zum »Anfang«, und zwar derart, daß er den anfänglichen Anfang zugleich verdeckte. Aber dieses anfängliche Ende des großen Anfangs, die Philosophie Platons und die des Aristoteles, bleibt groß, auch wenn wir die Größe ihrer abendländischen Auswirkung noch ganz abrechnen.

Wir fragen jetzt: Wie kommt es zum Heraustreten und Vorrang des Logos gegenüber dem Sein? Wie geschieht die entscheidende Ausgestaltung der Scheidung von Sein undDenken? Auch diese Geschichte kann hier nur mit einigen groben Strichen gezeichnet werden. Wir gehen dabei vom Ende aus und fragen :

1. Wie sieht das Verhältnis von φύσις und λόγος am Ende der griechischen Philosophie, bei Platon und Aristoteles aus? Wie wird hier die φύσις verstanden? Welche Gestalt und Rolle hat der λόγος übernommen?

2. Wie kam es zu diesem Ende? Wo liegt der eigentliche Grund des Wandels?


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik