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§ 55. Wandel von φίισις und λόγος

Platon ist so wenig ein Abstand und gar Abfall vom Anfang, daß sie diesen sogar entfalteter und schärfer begreift und durch die »Ideenlehre« begründet. Platon ist die Vollendung des Anfangs.

In der Tat kann nicht geleugnet werden, daß sich die Auslegung des Seins als ἰδέα aus der Grunderfahrung des Seins als φύσις ergibt. Sie ist, wie wir sagen, eine notwendige Folge aus dem Wesen des Seins als des aufgehenden Scheinens. Darin liegt aber nichts von einer Entfernung oder gar einem Abfall vom Anfang. Gewiß nicht.

Wenn aber das, was eine Wesens folge ist, zum Wesen selbst erhoben wird und so an die Stelle des Wesens rückt, wie steht es dann? Dann ist der Abfall da, und er muß seinerseits eigentümliche Folgen zeitigen. So ist es geschehen. Nicht daß überhaupt die φύσις als ἰδέα gekennzeichnet wurde, sondern daß die ἰδέα als die einzige und maßgebende Auslegung des Seins aufkommt, bleibt das Entscheidende.

Wir können den Abstand beider Auslegungen leicht abschätzen, wenn wir auf die Verschiedenheit der Blickbahnen achten, in denen diese Wesensbestimmungen des Seins, φύσις und ἰδέα, sich bewegen. Φύσις ist das aufgehende Walten, das In-sich-dastehen, ist Ständigkeit. Ἰδέα, Aussehen als das Gesichtete, ist eine Bestimmung des Ständigen, sofern es und nur sofern es einem Sehen entgegensteht. Aber φύσις als aufgehendes Walten ist doch auch schon ein Erscheinen. Allerdings. Nur ist das Erscheinen doppeldeutig. Erscheinen besagt einmal: das sich sammelnde, in der Gesammeltheit Sich-zum-Stand-bringen und so Steheil. Dann aber heißt Erscheinen: als schon Da-stehendes eine Vorderfläche, Oberfläche darbieten, ein Aussehen als Angebot für das Hinsehen.

Aus dem Wesen des Raumes her gesehen, ist der Unterschied zwischen Erscheinen und Erscheinen dieser: Das Erscheinen im ersten und eigentlichen Sinne nimmt als das gesammelte Sich-zum-Stand-bringen den Raum ein, erobert ihn erst, als so dastehend schafft es sich Raum, erwirkt es alles zu ihm Gehörige,


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik