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Beschränkung des Seins

nicht in Niederes absinkt. Diese Höhe können wir aus folgendem ermessen. Die große Zeit des griechischen Daseins ist so groß, in sich die einzige Klassik, daß sie sogar die metaphysischen Bedingungen der Möglichkeit für allen Klassizismus schafft. In den Grundbegriffen ἰδέα, παράδειγμα, ὀμοίωσις und μίμησις liegt die Metaphysik des Klassizismus vorgezeichnet. Platon ist noch kein Klassizist, weil er es noch nicht sein kann, aber er ist der Klassiker des Klassizismus. Der Wandel des Seins von der φύσις zur ἰδέα erwirkt selbst eine der wesentlichen Bewegungsformen, in denen sich die Geschichte des Abendlandes, nicht nur die seiner Kunst, bewegt.

Es gilt jetzt zu verfolgen, was entsprechend der Umdeutung der φύσις aus dem Logos wird. Die Eröffnung des Seienden geschieht im Logos als Sammlung. Diese vollzieht sich ursprünglich in der Sprache. Darum wird der Logos die maßgebende Wesensbestimmung der Rede. Die Sprache verwahrt als das Ausgesprochene und Gesagte und wieder Sagbare jeweils das eröffnete Seiende. Das Gesagte kann nachgesagt und weitergesagt werden. Die darin verwahrte Wahrheit verbreitet sich, und zwar so, daß nicht jedesmal das in der Sammlung ursprünglich eröffnete Seiende selbst eigens erfahren wird. Im Weitergesagten löst sich die Wahrheit gleichsam vom Seienden 142 ab. Dies kann soweit gehen, daß das Nachsagen zu einem bloßen Hersagen, zur γλῶσσα wird. Alles Ausgesagte steht ständig in dieser Gefahr, [vgl. Sein und Zeit, § 44 b.]

Darin liegt: Die Entscheidung über das Wahre vollzieht sich jetzt als Auseinandersetzung zwischen dem rechten Sagen und dem bloßen Hersagen. Der Logos, im Sinne von Sagen und Aussagen, wird jetzt der Bereich und der Ort, in dem über Wahrheit, d. h. ursprünglich über die Unverborgenheit des Seienden und damit über das Sein des Seienden entschieden wird. Anfänglich ist der Logos als Sammlung das Geschehen der Unverborgenheit, in diese gegründet und ihr dienstbar. Jetzt wird der Logos als Aussage umgekehrt der Ort der Wahrheit im Sinne der Richtigkeit. Es kommt zu dem Satz des Aristoteles,