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Beschränkung des Seins

[146] Anfang kann nicht und kann nie ebenso unmittelbar, wie er anfängt, dieses Anfangen auch so bewahren, wie es allein bewahrt werden kann, nämlich dadurch, daß es in seiner Ursprünglichkeit ursprünglicher wieder-holt wird. Deshalb ist auch nur in einer denkenden Wieder-holung und allein durch diese angemessen vom Anfang und dem Einsturz der Wahrheit zu handeln. Die Not des Seins und die Größe seines Anfangs ist kein Gegenstand einer bloß historischen Feststellung, Erklärung und Abwertung. Dies schließt nicht aus, fordert vielmehr, daß dieses Geschehnis des Einsturzes nach Möglichkeit in seinem geschichtlichen Verlauf sichtbar gemacht wird. Hier auf dem Weg dieser Vorlesung muß ein entscheidender Hinweis genügen.


§ 56. Hinweis auf das Geschehnis des Einsturzes der Unverborgenheit in seinem geschichtlichen Verlauf: Die Umrichtung der Wahrheit zur »Richtigkeit« im Verfolg der Einrichtung der Wahrheit der οὐσία


Wir wissen aus Heraklit und Parmenides, daß die Unverborgenheit des Seienden nicht einfach vorhanden ist. Die Unverborgenheit geschieht nur, indem sie erwirkt wird durch das Werk: das Werk des Wortes als Dichtung, das Werk des Steins in Tempel und Standbild, das Werk des Wortes als Denken, das Werk der πόλις als der all dies gründenden und bewahrenden Stätte der Geschichte. [»Werk« ist nach dem früher Gesagten hier stets im griechischen Sinne als ἔργον, als das in die Unverborgenheit her-gestellte Anwesende zu verstehen.] Die Erstreitung der Unverborgenheit des Seienden und damit des Seins selbst im Werk, diese Erstreitung der Unverborgenheit des Seienden, die schon in sich nur als ständiger Widerstreit geschieht, ist immer zugleich Streit gegen die Verbergung, Verdeckung, gegen den Schein.

Der Schein, δόξα, ist nicht etwas neben dem Sein und der