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Beschränkung des Seins

müssen, das Muster, die ἰδέα. Beständig anwesend ist jenes, worauf wir in jedem λόγος, Aussagen, als auf das immer schon Vorliegende zurückgehen müssen, das ὑποκείμενον, subjectum. Das immerschon Vor-liegende ist, von der φύσις, vom Aufgehen her gesehen, das πρότερον, das Frühere, das Apriori.

Diese Bestimmung des Seins des Seienden kennzeichnet die Weise, in der das Seiende allem Erfassen und Aussagen entgegensteht. Das ΰποκείμενον ist der Vorläufer der späteren Auslegung des Seienden als Gegenstand. Die Vernehmung, das νοεῖν, wird vom Logos im Sinne der Aussage übernommen. So wird es zu jenem Vernehmen, das im Bestimmen von etwas als etwas das Begegnende durch-nimmt, durchvernimmt, διανοεῖσθαι. Dieses aussagende Durchnehmen, διάνοια, ist die Wesensbestimmung des Verstandes im Sinne des urteilenden Vorstellens. Vernehmung wird zu Verstand, Vernehmung wird Vernunft.

Das Christentum deutet das Sein des Seienden zum Geschaffensein um. Denken und Wissen gelangen in die Unterscheidung zum Glauben (fides). Das Heraufkommen des Rationalismus und Irrationalismus wird dadurch nicht gehemmt, sondern erst vorbereitet und verstärkt.

Weil das Seiende ein von Gott Geschaffenes, d. h. rational Vorgedachtes ist, muß, sobald der Bezug des Geschaffenen zum Schöpfer sich löst und andererseits in eins damit die Vernunft des Menschen sich in die Vorherrschaft bringt, sich sogar als absolut setzt, das Sein des Seienden im reinen Denken der Mathematik denkbar werden. Das so berechenbare und in die Rechnung gestellte Sein macht das Seiende zum Beherrschbaren in der modernen mathematisch gefügten Technik, die etwas wesentlich anderes ist als jeder bisher bekannte Werkzeuggebrauch.

Seiend ist nur, was richtig gedacht einem richtigen Denken standhält.

Der Haupttitel, d. h. die maßgebende Auslegung des Seins des Seienden ist die οὐσία. Das Wort bedeutet als philosophischer Begriff die ständige Anwesenheit. Noch in der Zeit, in der


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik